etwas Provisorisches hinzustellen. Der neue Staatschef wurde - zunächst als Gallionsfigur - Admiral Miklós Horthy 8), vormals Adjutant des Kaisers, später Oberbefehlshaber der Marine. Er drängte nicht an die Macht, er war ein Kompromisskandidat aller maßgebenden Politiker und des Westens. Ein strammer Antibolschewist, gemäßigter Antisemit und ein guter beeinflussbarer Zuhörer. Ein Mann der autoritär auftrat, ohne diktatorisches Gehabe, das sowieso nicht seinem aristokratischem Wesen entsprach. Er richtete den Kleinstaat nach englischem Geschmack ein. Eine parlamentarische Ordnung mit aristokratischem Überbau. Er trachtete danach, von der Monarchie soviel, wie möglich zu erhalten. Er verdrängte die extremen politischen Bewegungen aus dem Blickfeld, und mit Ministerpräsident István Bethlen hatte er die Lage zunehmend in Griff und machte das Land wieder salonfähig. Im Gegensatz zu autoritären Führungsmanieren wurde Presse- und Versammlungsfreiheit, sowie eine aktive Opposition nach Maß zugelassen. Ein ungarischer Mix für jedermann.

Der verbliebene jüdische Teil der Nation (eine knappe halbe Million) trotz antisemitischer Auswüchse in der Politik, blickte optimistisch auf den neuen Staatschef und vertraute seinem liberal-aristokratischen Umfeld. Das erste Judengesetz, welches den jüdischen Anteil an der Staatselite beschränken sollte, zeigte sich bald als nutzlos, da ohne den jüdischen Beitrag für Industrie, Handel und Banken ohnehin nichts ging.

Doch Hitlers Aufstieg veränderte einiges, sowohl im atmosphärischen, als auch im außenpolitischen Bereich. Das Land spaltete sich und es gab nach dem damaligen Sprachgebrauch englisch-freundliche (liberale) und deutschfreundliche (nazi-sympathisanten) Menschen bzw. Politiker. Die Rückgewinnung der verlorenen Territorien – die sog. Revisionspolitik – stand stets im Vordergrund, aber diese Politik konnte nur im Schatten und im Zuge Hitlers Politik Erfolgsaussichten haben.

Die ungarische Regierung ging vorsichtig damit um, und behielt zu Nazi-Deutschland eine ideologische Distanz. Nach dem Sudetenland wurden nur die überwiegend ungarisch bewohnten Gebiete von der auseinanderfallenden Tschechoslowakei zurückgenommen. So fiel auch meine Geburtsstadt wieder Ungarn zu. Genau am Tage der Kristallnacht marschierten die Ungarn bei uns ein. Der erneute Staatenwechsel brachte keine zufriedenstellende Lage, der Zweite Weltkrieg stand vor der Tür. Wir Juden bekamen durch den Anschluss an Ungarn einen Aufschub von fünf Jahren. Wir wohnten zwei Kilometer weit weg von einer Grenze, die uns vom Zugriff des Dritten Reiches trennte, man vertraute halt „unerschütterlich“ Ungarn.

Das ambivalente Verhältnis zu Nazi-Deutschland verursachte einen sonderbaren Verbündetenstatus: Das Berührungsverhältnis war von ständigen Kontroversen begleitet über militärische Beihilfe, Zulieferung von Nahrungsmitteln, sowie über die Behandlung der Judenfrage. Es kam zu einer ersten Zerreisprobe. Nachdem Ungarn die Karpato-Ukraine 9) im März 1939 einverleibte wurde die lang ersehnte polnisch-ungarische Grenze wiederhergestellt, der eine wichtige Bedeutung zufiel.

 

Als im September 1939 die Deutschen Polen überfielen, verweigerte Ungarn deutsche Truppen über sein Territorium einzusetzen. Hingegen öffnete sie die Grenzen für alle Flüchtlinge, auch für Juden. Nach der Rückgewinnung von Nord-Siebenbürgen wurde die Lage kritischer. Hitler teilte mit, dass es mehr Gebiete für Ungarn nicht geben würde, er denke nicht daran das einstige Ungarn zu erneuern. Unter dem Ministerpräsidenten Graf Teleki, der ein erzkatholischer Antisemit war, jedoch das richtige Augenmaß nie verlor, erhöhte sich die Spannung zwischen den beiden Staaten. Trotz der immer schärferen Judengesetze, die fast Nürnberger Ausmaße annahmen, sicherte die jeweilige Regierung von Staatschef Horthy den Juden ein erträgliches Maß an Überlebenschance, um den Kriegsausgang abzuwarten.

Stabsoffiziere, die enge Verbindungen zu Nazi-Deutschland hatten, drängten die jeweilige. Regierung zum Krieg, um den Endsieg an der Seite Deutschlands nicht zu verpassen.

 

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