Im Zuge des rasanten gesellschaftlichen Umbruchs wurde neben der kath., kalvin. und luther. Kirche auch die jüdische Religion als Staatsreligion rechtmäßig verankert. Und es blieb bis heute so.

 

Der enorme wirtschaftliche Aufbau Ungarns in der Gründerzeit wäre ohne das emanzipierte Judentum überhaupt nicht vorstellbar. Der gesellschaftspolitische Konsens mit dem führenden Hochadel lautete: Die Juden überlassen die politische Führung dem Hochadel, dafür können sie ihre Führungsposition in Wirtschaft und Finanzwesen für sich ausbauen. (dazu gehörte auch der Aufstieg in der staatl. Administration, beim Militär und dem Adelstand)

In diesem Zeitraum ist auch meine Familie "groß geworden", in einer typischen k. und k. Kleinstadt, nördlich von Budapest. Es lag auf einem wirtschaftlichen Drehpunkt der damaligen Zeit. Industrie, Gewerbe, Handel, Markt- und Umschlagplatz von vielfältigen Produkten machten die Stadt Losoncz 5) zugleich auch gesellschaftlich-kulturell bekannt. Unser Aufstieg wurde vor dem Ersten Weltkrieg durch einen repräsentativen Familiensitz verdeutlicht, wonach jeder wusste, das die Familie meines Großvaters zur Stadtprominenz gehörte. Diese historische Verwurzelung trug dazu bei, weswegen Ungarn Hitler die Herausgabe der Juden – solange dies möglich war – verweigerte.

Der Erste Weltkrieg endete in einer Katastrophe, das geschichtliche Ungarn wurde zerstückelt und geplündert. Unsere Stadt wurde nach dem Staatenwechsel durch Demontage seiner Industrie vollkommen seiner Existenz beraubt. Zwar wurden die Tschechen wieder vertrieben, aber die Versailler Verträge waren gnadenlos - vor allem die Franzosen zeigten kein Verständnis für die Belange einer tausendjährigen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Einheit. Wir sind einer egozentrischen Europapolitik Frankreichs zum Opfer gefallen. Geschwächt und zerstückelt wurden wir zuerst Hitler, später Stalin ausgeliefert. Sie zerstörten damit auch das einheitliche liberale Judentum, welches in seiner angepassten Lebensart mit dem Ungarntum verbunden war und eine weltweite Ausstrahlung hatte. Als uns die Nabelschnur zu Budapest abgetrennt wurde, und uns in der Masarykschen Tschechoslowakei wiederfanden 6), waren wir kein Teil der ung. Nation mehr, sondern nur Juden.

Die Katastrophe hat den unterschwelligen Antisemitismus offen zu Tage treten lassen, der früher hin und wieder von Österreich hinüberschwappte. Dies förderten auch die sozialen Revolutionsversuche, Terror und Antiterror wechselten sich ab, in denen viele Juden teilnahmen, zum Opfer fielen, oder sich politisch diffamierten. 7) Die krisengeschüttelte Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs konsolidierte sich schnell. Unsere Stadt, Dank des demokratischen Aufbaus des neuen Staates und der beständigen Lebensart der alten Monarchie, behielt seinen ungarischen und jüdischen (Anteil 18%) Charakter. In Vertrauen in die Zukunft baute man eine neue Synagoge mit einer Kapazität von 1100 Plätzen.

In diese Welt wurde ich reingeboren und wuchs in vermögenden Verhältnissen auf, begann meine Ausbildung in ungarischen Schulen – die ich später bis zum Universitätsdiplom weiterführte – mein Vater hätte anderes gar nicht zugelassen. Aber am Himmel zogen wieder dunkle Wolken auf. In den 20-er Jahren sind europaweit faschistoide Regime entstanden, die noch Wert darauf legten die verfassungsmäßige Staatsordnung zu erhalten, in denen Juden noch eine erträgliche, wenn auch nicht zukunftorientierte Existenz führen konnten. Deutschland hingegen in den 30-er Jahren, durchbrach alle Hemmungen und getrieben vom Rassenwahn einen Willkürstaat etablierte, in dem die Juden und ihr Vermögen die erste Ziel-scheibe waren. Aber es geht in diesem Vortrag nicht um deutsche Geschichte, sondern wie Ungarn auf diese gefährliche Entwicklung reagierte.

 

Wir wenden jetzt uns dem kleinen Ungarn zu. Die Unruhen in Ungarn wurden um 1920 geglättet. Ungarn ließ das Friedensdiktat mit zwei unbedeutenden Beamten des Außenmini-steriums unterschreiben, ein Affront vor allem gegen Frankreich, um den Zwangsvertrag für

 

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