Südkurier, Mittwoch, 11. Juni 2003:

Breisacher Juden haben wieder eine Heimat

Förderverein macht aus einstigem Gemeindehaus eine Gedenkstätte - Holocaust-Überlebende kommen

Die Europastadt Breisach (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) hat ihre Vergangenheit als Zentrum jüdischen Glaubens am Oberrhein farblich aufgefrischt. An der Rheintorstraße 3 ist auf Initiative des Fördervereins "Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e.V." für eine halbe Million Euro das so genannte "blaue Haus" entstanden, das den Juden in Südbaden Heimat, Hoffnung und Zukunft geben soll. Mit großer finanzieller Unterstützung von Stadt und Land ist das ehemalige jüdischen Gemeindehaus in der früheren Judengasse renoviert und zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte mit Bibliothek, Museum, Gästezimmer, Videothek und Versammlungsraum umgestaltet worden.

Freiburgs Regierungspräsident Sven von Ungern-Sternberg wird das in den vergangenen 18 Monaten von vielen freiwilligen Helfern und engagierten Baufirmen aufpolierte Haus unterhalb des Breisacher Münsterberges am 20. Juni seiner Bestimmung übergeben. Begleitet wird diese Eröffnung durch eine jüdische Woche, zu der 50 Überlebende des Holocaust der Breisacher Jüdischen Gemeinde mit ihren Kindern, Enkel und Freunden aus sechs Ländern eingeladen wurden. Das rund 300 Jahre alte Haus, das unter anderem als Gasthaus, Judenschule, Gemeindehaus, Wohnung der Kantorenfamilie, Betraum und Fabrik von Kriegsgütern sowie zuletzt als einfache Wohnung fungierte, sollte vor drei Jahren abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Das verhinderte der Förderverein "Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach" unter Führung der Ärztin Christiane Walesch-Schneller.

Der Verein kaufte das Haus für 150000 Euro und ließ es für 315000 Euro restaurieren. "Das Haus ist ein einzigartiges bauliches Archiv der Breisacher Stadtgeschichte", berichtete die Fördervereinsvorsitzende. Breisachs Stadtarchivar Uwe Fahrer teilte mit, nach der Zerstörung der Synagoge 1938 sei der im Obergeschoss eingerichtete Betraum das letzte religiöse Refugium der jüdischen Gemeinde bis zu ihrer Auslöschung am 22. Oktober 1940 gewesen.

Breisach galt über Jahrhunderte hinweg als Zentrum des jüdischen Glaubens am Oberrhein und war vorübergehend Rabbinersitz. Schon im 14. und 15. Jahrhundert siedelten die ersten jüdischen Gemeinden auf dem Münsterberg. Von Breisach gingen auch wesentliche Neugründung von jüdischen Gemeinden in Efringen-Kirchen, Müllheim, Sulzburg, Ihringen, Eichstetten und Emmendingen aus. Vor 200 Jahren war ungefähr jeder fünfte Bürger ein Jude. 1933 lebten noch 250 jüdische Bürger in Breisach, heute sind es nur noch vier und zehn Kontingentflüchtlinge.

An der Wiederbelebung der jüdischen Geschichte und der Umgestaltung des ehemaligen Gemeindehauses haben viele Institutionen und Firmen aktiv mitgewirkt: Unter anderen zehn Handwerksbetriebe in Breisach, Freiburg und Titisee, das Landesdenkmalamt, die deutsche und baden-württembergische Stiftung Denkmalschutz, die Stadt Breisach, der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und die Landeszentrale für politische Bildung, aber auch Schüler, Konfirmanden und Studenten, die freiwillige 1400 Arbeitsstunden während ihres Sommerlagers "Aktion Sühnezeichen 2002" auf der Baustelle leisteten.

Nach Eröffnung des "Blauen Hauses" und nach Abschluß der jüdischen Woche ist die Gedenkstätte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Es soll einerseits das Schicksal vieler jüdischer Familien aus Breisach abbilden und andererseits neues Leben beispielsweise mit Führungen für Schulklassen entwickeln.

Karl-Heinz Zurbonsen

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