Rebland-Kurier vom Mittwoch, 8. September 2004

Archiv und Bibliothek
Das "Gedächtnis" des Blauen Hauses wurde eröffnet

 

Breisach (az). Im "Blauen Haus", dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus in der Rheintorstraße, sind am ersten Septembersonntag das Archiv und die Bibliothek eingeweiht worden. Am Türsturz der beiden kleinen Zimmer im Erdgeschoss, die sich im ältesten Teil des Hauses befinden, wurde ein Schild angebracht: "Das Gedächtnis". 1000 Bücher umfasst die thematisch breit angelegte Sammlung bereits.

Bücher bei Ebay ersteigert

Den Grundstock legte der inzwischen verstorbene erste stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Martin Bier, der 250 Judaica seiner Privatbibliothek dem "Blauen Haus" vermachte. Auch die meisten anderen Bücher sind Geschenke, manche hat Bibliothekar Gerd Müller auch bei Ebay ersteigert. Denn finanziell ist der Spielraum eng. Dafür haben einige der Gebetbücher, die die Emigrantenfamilien beim Abschied von Breisach erhielten, ihren Weg zurück gefunden. Mittlerweile sind alle Bücher katalogisiert und im Internet zu finden, aber noch fehlt der Stempel und die Systematik auf dem Buchrücken. Erst dann wird auch eine Ausleihe möglich sein. Schon jetzt können Interessierte jeden Mittwoch zwischen 14 und 17 Uhr die Bücher einsehen. Mit einem eigenen Regal möcht Müller die Schulklassen ansprechen, die das "Blaue Haus " als Lernort nutzen. Gerade für diese Arbeit sind weitere Buchspenden willkommen.

Neben den Bücherregalen stapeln sich flache schwarze Kartons, das Archiv des Hauses. Jede Schachtel steht für eine Familie oder eine Person. Darin werden alle möglichen Dokumente gesammelt: Fotos, Urkunden, Briefe. Auch diese Arbeit steht noch ganz am Anfang. Die kleine Archivgruppe betreut Günter Boll. Anhand der Familie Günzburger zeigte er an diesem "Europäischen Tag der jüdischen Kultur" die Aufgaben und Ergebnisse des Archivs. Immer wieder gibt es Lücken, die zur weiteren Suche herausfordern: Wer sind die Personen auf dem Foto? Theo Günzburger überlebte Auschwitz, wie schaffte er das? Von manchen Familien existieren 500 Fotos, von manchen Personen kein einziges, oder vielleicht doch irgendwo?

Archiv und Bibliothek haben den "Charme des Unfertigen und Zufälligen", wie es Gerd müller formulierte. Erst einmal steht nun der kleine Raum zur Verfügung. Doch dieser eignet sich nicht für die Lagerung wirklich wichtiger Bücher und Dokumente. Einerseits ist er nicht gut abzusichern, andererseits sind die alten Mauern zu feucht. Bald muss eine neue Heimat für die wertvollen Überreste gefunden werden.

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