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Wie man lernt, sich zu versöhnen
Dan Bar-On: Balkan, Irland, Nahost - Wege zur friedlichen
Konfliktlösung. Der israelische Psychologe hält in Hamburg einen
Vortrag: Mit dem Abendblatt sprach er über Opfer und Täter, über "Gut"
und "Böse".
Von Maike Schiller
Hamburg -
Seine
Stimme ist ruhig, fast ein bißchen leise. Er hört geduldig zu und
antwortet ohne auszuschweifen. Das, was Dan Bar-On in seinen Workshops
und Büchern lehrt, praktiziert er auch im Kleinen: sich im Dialog
aufeinander einzulassen. Der Psychologe Bar-On, geboren 1938 als Sohn
deutscher Juden in Haifa, wurde vor allem durch seine Interviews mit
den Nachkommen von NS-Tätern bekannt ("Die Last des Schweigens"). Der
Träger des Bundesverdienstkreuzes ist Professor an der
Ben-Gurion-Universität in Beer-Sheva und Co-Direktor des "Peace
Research Institute in the Middle East". Freitag ist Bar-On zu Gast im
Hamburger Körber-Forum, um über seine "Wege zur friedlichen
Konfliktlösung" zu berichten. Mit dem Abendblatt sprach er über
Optimismus, Frieden im Nahen Osten und sein persönliches
Deutschlandbild.
ABENDBLATT: Sie
haben Ihre Verständigungsarbeit mit den Kindern von Holocaust-Opfern
und den Nachkommen der Täter begonnen. Mittlerweile arbeiten Sie mit
Israelis und Palästinensern. Wo liegen die Gemeinsamkeiten dieser
Konfliktgruppen?
DAN
BAR-ON: Zunächst einmal gibt es große Unterschiede. Der Holocaust ist
seit 60 Jahren vorüber, er dauert nicht an - außer in den Köpfen und
Herzen der Menschen. Der andere Fall ist ein aktueller, ungelöster
Konflikt. Zudem gab es nach dem Holocaust keinen Zweifel, wer die Täter
und wer die Opfer waren. Im israelisch-palästinensischen Konflikt gibt
es dagegen sehr wohl Uneinigkeit darüber, wer die wahren Opfer und die
wahren Täter sind. Es ist nicht so leicht zu definieren.
ABENDBLATT: Dennoch
sagen Sie, Ihre Erkenntnisse seien universell anwendbar, übertragbar
auf den Holocaust, auf die Situation auf dem Balkan oder in Südafrika.
Sind all diese Traumata nicht viel zu speziell, um nur eines
Lösungsweges zu bedürfen?
BAR-ON:
Die erste Lektion, die man den Menschen erteilt, mit denen man
arbeitet, ist, daß sie die Biographie der Konfliktparteien genau
studieren müssen. Inklusive der spezifischen Details. Man kann nicht
einfach auf den Balkan übertragen, was in Südafrika funktioniert hat.
Eine Versöhnungs-Kommission wäre auf dem Balkan derzeit nicht möglich,
ebensowenig in Irland. Nur wenn man die Biographie eines Konflikts
genau versteht, kann man anfangen darüber nachzudenken, was unter den
gegebenen Umständen möglich ist und warum die Menschen sich nicht
einfach versöhnen können. Dieser Vorgang ist übertragbar.
ABENDBLATT: Und setzt viel voraus - auch an intellektuellem Vermögen. Wie gelangt man dahin?
BAR-ON:
Langsam. Sehr langsam und mit viel Geduld. Und mit dem Verständnis, daß
eben nicht nur Argumente, sondern auch Emotionen involviert sind. Nur
die intellektuelle Ebene reicht nicht aus. Erst wenn man bereit ist,
den Fokus seiner Aufmerksamkeit überhaupt auf die Probleme der anderen
zu lenken, kann man mit der Arbeit beginnen.
ABENDBLATT: Wie schützen Sie sich dabei vor Resignation?
BAR-ON:
Wäre ich ein depressiv veranlagter Mensch, könnte ich diese Arbeit
nicht machen. Ich tue das, weil ich die Geduld besitze. Auch wenn die
Realität mich immer wieder mit neuen Grausamkeiten konfrontiert. Man
muß lernen, mit einem hohen Grad an Frustration zu leben. Nicht jeder
kann das. Man lernt, Geschwindigkeit mit anderen Maßstäben zu messen.
Ich nehme an, ich werde einige Ergebnisse, etwa im
israelisch-palästinensischen Konflikt, nicht mehr erleben. Das muß ich
akzeptieren.
ABENDBLATT: Aber Sie glauben noch immer an einen Frieden zwischen Israel und Palästina?
BAR-ON:
Wissen Sie, das Wort "Frieden" hat verschiedene Bedeutungen. Es wird
nie einen Frieden geben wie zwischen Norwegen und Schweden, niemals.
Aber wir können es schaffen, mit den sehr schwierigen Umständen
umzugehen. Und zwar so, daß ein besseres Ergebnis für beide
Seiten dabei herauskommt. Ich arbeite viel mit jungen Menschen und
sehe, wie lernfähig sie sind. Sie erkennen, daß die Gegenseite auch
einer Logik folgt. Die ist anders als die eigene, manchmal schmerzhaft
anders. Aber man kann beide Seiten in sich finden - und dann passiert
etwas, etwas anderes als die Gegenseite ausschließlich zu verfluchen.
Nebenbei glaube ich, daß wir im israelisch-palästinensischen Prozeß,
vielleicht sogar politisch, näher an einer Lösung sind als je zuvor.
Selbst wenn die Realität das noch nicht zu bestätigen zu scheint.
ABENDBLATT: Sind Sie ein Optimist?
BAR-ON:
Sie kennen vielleicht die Definition eines Pessimisten: Ein Pessimist
ist ein Optimist mit viel Lebenserfahrung. In diesem Sinne bin ich wohl
ein Pessimist.
ABENDBLATT: Schimon
Stein, der israelische Botschafter, hat einmal gesagt: "Dan Bar-On
kennt alle politischen Seiten, der kann machen, was er will!" Klingt
auch ein wenig so, als würde er Sie nicht ganz ernst nehmen.
BAR-ON:
Ich denke, er ist ein bißchen eifersüchtig. Er ist eingeschränkt durch
die Richtlinien der Regierung, durch die Politik. Er kann es sich gar
nicht leisten, einfach frei von der Leber weg zu sprechen. Ich dagegen
habe meine Meinungen, und ich habe keine Angst, auch Kritik offen zu
äußern. Es ist einer der großen Vorteile meiner Gesellschaft, daß ich
das selbst in den dunkelsten Jahren der Intifada tun konnte. Bei uns
gibt es sehr mutige Menschen - und Menschen, die bereit sind, ihnen
zuzuhören. Wenn man an die US-Gesellschaft nach 9/11 denkt: Dort wäre
das nicht ohne weiteres möglich gewesen.
ABENDBLATT: Wie
bewerten Sie den Umgang, den Hollywood mit dem Thema "Trauma" pflegt -
ob es nun der Holocaust ist oder zum Beispiel der 11. September?
BAR-ON:
Wußten Sie, daß Hollywood mit einigen Juden begonnen hat, die die
Geschichten der Kosaken aus der Ukraine und Rußland in den Wilden
Westen importierten? Die Wild-West-Filme sind eigentlich eine Allegorie
auf die Geschichten der Kosaken, die die Juden jahrhundertelang in
Osteuropa verfolgten. Dieses sehr simple Bild der good guys und bad guys
ist sicher nicht sehr hilfreich, und dieser Teil von Hollywood gefällt
mir deshalb ganz und gar nicht. Aber auch die amerikanischen
Filmemacher haben dazugelernt. Ich weiß nicht, ob Sie "Der mit dem Wolf
tanzt" gesehen haben. Klar, ein Hollywood-Film, aber er zeigt schon
einen anderen Umgang mit Heldentum. Ich glaube, Amerika heute ist
zerrissen zwischen der eingefahrenen Praxis, die Welt in die Guten und
die Bösen einzuteilen, und einer sehr viel komplexeren
Betrachtungsweise.
ABENDBLATT: Daß
Sie selbst die Welt nicht in Schwarz und Weiß einteilen, ist nicht
selbstverständlich. Ihre Eltern und Großeltern sind Anfang der 30er
Jahre aus Deutschland nach Palästina geflohen, wo Sie geboren wurden.
Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Deutschland heute?
BAR-ON:
Als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal nach Deutschland kam, war es
sehr schwierig. Mit den Jahren habe ich Kollegen und Freunde gefunden,
und es gibt Interviewpartner, denen ich mich sehr verbunden fühle. Ich
schätze viele Menschen und viele Dinge in Deutschland. Deutschland ist
Teil meines Lebens. Aber es ist immer noch ein Ort für mich, an den ich
zum Arbeiten fahre. Es wird kein Ort werden, an den ich in den Urlaub
fahre. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Unterschied verstehen können. Aber
es ist kein Ort für mich, an dem ich entspanne.
ABENDBLATT: Ich
weiß nicht, ob Sie die Fußball-WM verfolgen, aber vielleicht sind Ihnen
die Flaggen aufgefallen, die schwarz-rot-goldenen Gesichtsfarben, der
"neue deutsche Patriotismus".
BAR-ON: Du bist Deutschland!
ABENDBLATT: Das war Kampagne. Jetzt ist es freiwillig.
BAR-ON:
Ja. Ich sage Ihnen etwas: Vor etwa fünf Jahren habe ich in Deutschland
etwas Ähnliches beobachtet. Damals kamen einige Bücher heraus, die sich
mit den eigenen Opfern, den eigenen Leiden der Deutschen beschäftigten.
Die einen sagten, Deutschland vergesse darüber, was sie den anderen
angetan haben. Die anderen sagten - dazu gehöre auch ich -, daß das ein
normaler Prozeß ist, daß Deutschland irgendwann auch die eigenen
Verletzungen betrauern muß. Trauerarbeit resultiert - auch - in einem
tieferen Verständnis der eigenen Taten. Es wäre nicht gut, wenn es
diesen patriotischen "Normalisierungsprozeß" nicht gäbe, denn dann
können manche den Patriotismus für ihre extremen Zwecke mißbrauchen. In
einem positiven Zusammenhang aber ist er ein gesundes Zeichen der
Erholung. Ich nenne das den "sozialen Heilungsprozeß". Ich heiße Ihre
Flagge also herzlich willkommen.
erschienen am 22. Juni 2006
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