FÖRDERVEREIN EHEMALIGES JÜDISCHES
Breisach, den 08. 01. 2004
Die Einladung zum traditionellen Neujahrsempfang des Bundespräsidenten kam als völlige Überraschung. Das Jahr 2003 ging zu Ende, die gründliche Renovierung war abgeschlossen und die Einweihung des “Blauen Hauses” am 20. Juni 2003 hatte einige hundert Menschen angezogen, auch mehr als 40 jüdische Gäste, die mit ihren Familien zu einer “Jüdischen Woche” nach Breisach kamen, an den Ort, wo sie und ihre Verwandten gelebt hatten und 1933 den Anfang vom Ende erlebt hatten. Die Schreibtische biegen sich unter Dokumenten, Briefen, Fotos, die die Geschichten der jüdischen Breisacher erzählen. Jetzt sollen sie aufgeschrieben werden, damit das Blaue Haus ein Lernhaus wird.
In einem persönlichen Schreiben teilte Regierungspräsident Dr. von Ungern-Sternberg mit: “Ich war sehr beeindruckt von den Aktivitäten in Breisach, und habe Sie deshalb vorgeschlagen, vom Bundespräsidenten nach Berlin zum Neujahrsempfang als Auszeichnung eingeladen zu werden. Ihnen und dem Förderverein die besten Grüße zu den Feiertagen und dem Neuen Jahr.”
Wie im Einladungsschreiben betont wird, freut sich der Bundespräsident, “Bürgerinnen und Bürger, die sich für das Gemeinwohl engagiert haben” im Schloss Bellevue zu begrüßen. Es sind weitere 76 Ehrenamtliche eingeladen, die sich um Fledermäuse, Obstanbau, Wein, vor allem aber um Senioren, Behinderte, Kinder, Zwangsarbeiter, jüdische Immigranten und die Dokumentation eines Konzentrationslagers bemühen.
In einem Gespräch mit Mitarbeitern bekommen wir im Bundespräsidialamt einen Einblick in die Arbeit des Bundespräsidenten und seiner Frau.
Die gesamte Regierung, Präsidenten und Präsidentinnen von Behörden, Gewerkschäften, Verbänden und religiösen Gemeinschaften sind außer den Bürgern eingeladen - 250 Hände in 3 Stunden sind zu ergreifen und mit jedem der Gäste spricht Bundespräsident Rau persönliche Worte.
Am 7. Januar gibt es in der langen Warteschlange Gelegenheit zum Kennenlernen. Ein Sprecher des Bundespräsidialamtes nennt Namen und Amt des Gastes. Als ich aufgerufen werde, liest er vor:
Die Grüße von Vorstand und Mitgliedern des Fördervereins überbringe ich dem Bundespräsidenten, aber auch die besonders herzlichen Grüße der jüdischen Familien, die sich geehrt und gewürdigt fühlen. Yitzhak Cohen aus Haifa schrieb, “Ich freue mich so als ob ich selbst eingeladen wäre... Neben Dir stehe ich und mit mir alle früheren jüdischen Bürger Geismars, Breisacher, Kahns, Blums, Kleefelds, Günzburger, Mocks, Schwabs, Weils und alle anderen und ganz vorne - vor uns allen - werden die letzten 36 jüdischen Bürger Breisachs stehen, die nach Gurs deportiert wurden am 22. Oktober 1940.”
Als sich die eingeladenen Bürger mit dem Bundespräsidenten und seiner Frau zum Essen setzen, macht der Bundespräsident seine Absicht klar, die Repräsentanten des Staates “ohne den keine Gesellschaft leben kann” und die Bürger, die “mehr tun als das, wozu sie verpflichtet sind, und ohne die die Gesellschaft nicht lebendig sein kann, dieses ‘Parlament der Nächstenliebe’, am Tag des Empfangs zusammenzubringen.
Ich möchte seiner Bitte folgen und allen, die den Förderverein in den vergangenen Jahren unterstützt haben, den Dank und die Ermutigung des Bundespräsidenten zur tatkräftigen Weiterarbeit überbringen.
Christiane Walesch-Schneller
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