September 29, 2008
Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e.V.
Erste Vorsitzende
Prof. Dan Bar-On starb am 4. September 2008
Vor knapp zwei Jahren teilte Dan Bar-On seinen Freunden mit,
er sei an einem bösartigen Hirntumor erkrankt und hoffe, die notwendigen
Behandlungen werden ihn nur kurzfristig von seiner Arbeit abhalten. In einem
Treffen mit palästinensischen Friedensarbeitern war er in den palästinensischen
Gebieten zusammengebrochen aus scheinbar unerschütterlicher Gesundheit und
Stärke.
Er stand in den letzten Monaten seiner Laufbahn als
Professor für Psychologie an der Ben Gurion Universität des Negev in Beer
Sheva.
Die ersten schweren Kartons aus Israel hatten schon den Zoll
passiert und waren in Breisach angekommen, denn als er seine Bibliothek in Beer
Sheva einpackte, hatte er angefragt, ob es im Blauen Haus Interesse gebe, Teile
seiner Bibliothek zu übernehmen.
Hier hatten sich seit Mitte der achtziger Jahre viele
deutsche Bücher über die Psychologie der Folgen des Naziregimes für Opfer und
Familien der Täter gesammelt, die würde keiner seiner Kollegen brauchen können.
Einen besseren Platz als die Bibliothek des Blauen Hauses
könne er sich nicht vorstellen, sagte er, und er hoffe, die Bücher werden hier
nützlich sein und gebraucht werden. Es kamen noch mehrere Pakete aus Beer
Sheva, insgesamt 250 Bände, die heute im online-Katalog des Blauen Hauses
eingesehen werden können (www.juedisches-leben-in-breisach.de/bibliothek).
„Wir werden in unserer Lebenszeit nicht alle die Dinge
erreichen, die wir ändern möchten“, das hatte er einmal geschrieben. Er sagte
das weniger mit Blick auf die begrenzte Zeit, die er nach Aussage seiner Ärzte
noch hatte, sondern im Hinblick auf die von ihm als unendlich empfundene
Aufgabe, Menschen zu erreichen, die durch Gewalt und Krieg schwere
Traumatisierungen durchgemacht haben und unter der „Last des Schweigens“
leiden. Er versuchte sie zu ermutigen, ihre Zurückhaltung hinsichtlich ihres
verborgenen Wissens aufzugeben, damit ein ungehinderter innerer Dialog möglich
wird. Nur dann könnte man in einen Dialog mit „dem Anderen“ eintreten und Frieden
mit sich selbst und der eigenen Geschichte schließen. Das spätere Ziel wäre
eine Verständigung mit einem früheren oder gegenwärtigen „Gegner“. Das Bild der
„doppelten Mauer“ im Dialog: wenn eine Seite sich öffnet, trifft sie auf die
Mauer des anderen und umgekehrt, dieses Bild wurde von ihm in seiner Arbeit mit
Holocaustüberlebenden und ihren Familien entwickelt und es hat sich eingeprägt.
Dan Bar-On war verzweifelt über die immer schwieriger
werdende Friedensarbeit mit den Palästinensern und doch entschieden, solange
seine Kräfte reichten, dieser Arbeit gemeinsam mit seinem palästinensischen
Freund und Kollegen Prof. Sami Adwan im Rahmen von PRIME (Peace Research
Institute of the Middle East) Vorrang zu geben. Im Januar 2008 konnte man
beiden im Körber Forum in Hamburg begegnen. Zu Yom Kippur 2007 erhielt Sami
Adwan, der früher Mitglied der Fatah gewesen war, einen persönlichen Brief von
Dan Bar-On, einen Brief, dessen Inhalt sich über viele Jahre in Dan Bar-Ons
Seele entwickelt hatte. Die über Jahre geleistete gemeinsame Arbeit mit Lehrern an der jüdischen und der
palästinensischen Narrative war notwendig, um zu diesem schmerzlichen
Bekenntnis zu gelangen. Auf eine sehr persönliche Weise legt Dan Bar-On die
Einsicht über das durch die Israelis an den Palästinensern verübte Unrecht
dar. Die Sicht einer Minderheit, zu der
die Mehrheit aus Ängsten zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage ist. Der
Brief endet mit einer ausgesprochenen Entschuldigung für das, was die jüdische
Führung, absichtlich und unabsichtlich,
1948 den Palästinensern angetan hat: „Auch wenn man die politischen und
menschlichen Bedingungen verstehen kann, die diese Blindheit und Taubheit
unserer Seite hervorgebracht hat (der Holocaust, Anm. CWS), so ist das doch
keine Rechtfertigung für die Art und Weise, in der wir in unseren Beziehungen
mit Deinem Volk gehandelt haben.“
Mit seinen Mitarbeitern und Freunden blieb er trotz seiner
Erkrankung in einem dichten, beinahe täglichen Kontakt, ermöglicht durch die
elektronische Kommunikation. Dan Bar-On war mit seinen nie belehrenden, sondern
fragenden Kommentaren unaufdringlich präsent und ein Begleiter bei
schwierigsten Aufgaben.
Dan Bar-On besuchte das Blaue Haus im Juni 2005 zum ersten
Mal und hörte zu: die Gedanken zu den Aufgaben und Perspektiven der Arbeit hier
wurden in einer Runde von Mitgliedern und Freunden zusammengetragen. In seiner
Freiburger Vorlesung trafen ihn Menschen aller Altersgruppen als er seine
Lebensgeschichte in die Geschichte seiner Forschung einwob, eine Zusammenschau,
die er 2004 in seinem letzten Buch „Erzähl dein Leben“ veröffentlichte. „Ich
kann doch nicht von anderen erwarten, dass sie etwas von sich erzählen, wenn
ich selbst nichts gebe....“ Er wollte erzählen, aber vor allem wollte er
zuhören.
Es war für ihn selbstverständlich und bereichernd, im August
2006 mit einem eigenen Angebot das Programm der „Tänze für das Blaue Haus“ in
Breisach zu bereichern. Er brachte seine Interviewpartnerinnen, Renate Röder
und Deena Harris (NY) mit, die jahrelang Erfahrungen im Dialog als Kinder von
Nazitätern und Kinder von Opfern der Shoa gesammelt hatten. Die zwei Tage
bleiben unvergesslich, als im Blauen Haus eine Gruppe von jüdischen Gästen und
Mitgliedern des Fördervereins ihre Lebensgeschichten erzählten. Es waren Spannungen
entstanden in der sprachlichen Verständigung. Dan Bar-On hielt die Gruppe
zusammen und übernahm es ungefragt, jeden deutschen Beitrag ins Englische und
jeden englischen Beitrag ins Deutsche zu übersetzen. Das konnte er, hatte er
doch in den vierziger Jahren in Palästina mit seinen deutschen Großeltern
Samson, Flüchtlingen aus Hamburg, ihre Sprache gesprochen. Als er 1985 seine
Forschungsarbeit in Deutschland aufnahm und Interviews mit den Kindern von
hochrangigen Nazitätern führen wollte, reaktivierte er seine Deutschkenntnisse
und baute darauf in weiteren zwanzig Jahren auf.
Als er am 4. August 2006 mit mehreren hundert Zuschauern
durch die Rheintorstraße den jungen Tänzern aus New York zum Blauen Haus
folgte, war ihm sofort bewusst, dass wir alle in den Schritten derjenigen
gingen, die vertrieben und vor 66 Jahren deportiert wurden. Er scheute sich
damals nicht, seine Gefühle zu zeigen und tat das auch vor drei Monaten, als er
mit seiner Frau und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen seines letzten Dialogseminars
(unter dem Dach der Körber-Stiftung) genau vor dem Haus stand, in dem sein
Urgroßvater Hermann Epstein in Hamburg gelebt hatte. Wir besuchten gemeinsam
die Stolpersteine zum Andenken an diejenigen Angehörigen seiner Familie, die
nicht das Glück hatten, sich ins Ausland retten zu können.
Ich selbst hatte das Glück, zu den Ausbildungsteilnehmern
dieses Seminars zu gehören. Hier brachte er Praktiker der Friedensarbeit aus
allen Erdteilen zusammen: Bosnier, Serben, Neu Seeländerinnen, Beduinen und Israelis,
Deutsche, Engländer und Amerikaner. Über das Erzählen der eigenen
Lebensgeschichte entsteht Verständigung und Dialog.
Dan Bar-On ermutigte uns in jeder Hinsicht, die Arbeit im
Blauen Haus fortzusetzen. Er schonte sich nicht, aber er schonte auch seine
Zuhörer und Schüler nicht. Er wünschte, dass Interesse an seiner Arbeit Früchte
tragen sollte und neue Projekte entstehen: ob es nicht irgendwann ein Lila Haus
geben könne für die „Kinder der Täter“, war eine fragende Reaktion nach seinem
ersten Besuch im Blauen Haus in Breisach.
Es beunruhigte ihn zunehmend zu bemerken, dass es zwanzig Jahre nach
Beginn seiner Forschungen über die Auswirkungen der Nazizeit in den deutschen
Familien immer noch keine Anlaufstelle für Menschen gab, die nach Unterstützung
bei der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte suchten. Bis zuletzt wandten sich
hunderte von Menschen an ihn um Rat und Hilfe.
Eine Arbeitsgruppe in Freiburg nahm sich, inspiriert von
seinen Vorträgen an der Freiburger Universität, die dialogische Erforschung der
einzelnen Familiengeschichten vor und trifft sich seit zweieinhalb Jahren
kontinuierlich und mit großem persönlichem Gewinn.
Dan Bar-On starb am 4. September
2008 im Kreise seiner Familie in Tel Aviv. Gerne hätte er an seinem siebzigsten
Geburtstag Anfang Oktober die Bemühungen seiner Freunde und Mitarbeiter
kommentiert, die sich daran machen, ein internationales Institut zu gründen,
das in seinem Sinne weiterarbeiten wird.
Vor allem sind wir dankbar für seine wache, warmherzige und
kritische Freundschaft in der
Unterstützung des Blauen Hauses.
Dan Bar-On: Erzähl dein Leben! Meine Wege zur Dialogarbeit
und politischen Verständigung. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2004
Adwan, Sami and Dan Bar-On (eds.) (2003, 2005, 2006):
Learning each other’s historical narrative: Palestinians and
Israelis. Beit Jala:
Peace Research Institute in the Middle East (PRIME)
www.koerber-stiftung.de/Dialog/Dan-Bar-OnSeminar
www.juedisches-leben-in-breisach.de
Presse:
Badische Zeitung 30. 6. 2005 Zu welchem Hören bin ich
wirklich bereit? Der israelische Psychologe Dan Bar-On sprach in Freiburg über
seine Interviews mit den Kindern von Opfern und Tätern (Peter Winterling)
07. 07. 2005 „Zwang schürt Abwehrmechanismen“ BZ-Interview
mit dem bekannten israelischen Psychologen Dan Bar-On über
Vergangenheitsbewältigung und das Blaue Haus (Friedel Scheer)
09. 08. 2006 „Wir müssen unsere Orientierung ändern“
BZ-Interview mit dem israelischen Psychologen und Friedensforscher Dan Bar-On
über mögliche Auswege aus der Dauerfehde in Nahost (Stefan Hupka)
16. 08. 2006 „Ich wuchs mit drei Lügen auf“ Workshop mit Dan
Bar-On über „Ein Vermächtnis des Holocaust“ (Friedel Scheer)