September 29, 2008

Dr. Christiane Walesch-Schneller

Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e.V.

Erste Vorsitzende

 

 

„Könnte man nicht ein Lila Haus machen?“

 

Prof. Dan Bar-On starb am 4. September 2008

 

Trauer um den Beirat des Fördervereins, der am 3. Oktober 70 Jahre geworden wäre

 

 

Vor knapp zwei Jahren teilte Dan Bar-On seinen Freunden mit, er sei an einem bösartigen Hirntumor erkrankt und hoffe, die notwendigen Behandlungen werden ihn nur kurzfristig von seiner Arbeit abhalten. In einem Treffen mit palästinensischen Friedensarbeitern war er in den palästinensischen Gebieten zusammengebrochen aus scheinbar unerschütterlicher Gesundheit und Stärke.

 

Er stand in den letzten Monaten seiner Laufbahn als Professor für Psychologie an der Ben Gurion Universität des Negev in Beer Sheva.

 

Die ersten schweren Kartons aus Israel hatten schon den Zoll passiert und waren in Breisach angekommen, denn als er seine Bibliothek in Beer Sheva einpackte, hatte er angefragt, ob es im Blauen Haus Interesse gebe, Teile seiner Bibliothek zu übernehmen.

Hier hatten sich seit Mitte der achtziger Jahre viele deutsche Bücher über die Psychologie der Folgen des Naziregimes für Opfer und Familien der Täter gesammelt, die würde keiner seiner Kollegen brauchen können.

 

Einen besseren Platz als die Bibliothek des Blauen Hauses könne er sich nicht vorstellen, sagte er, und er hoffe, die Bücher werden hier nützlich sein und gebraucht werden. Es kamen noch mehrere Pakete aus Beer Sheva, insgesamt 250 Bände, die heute im online-Katalog des Blauen Hauses eingesehen werden können (www.juedisches-leben-in-breisach.de/bibliothek).

 

„Wir werden in unserer Lebenszeit nicht alle die Dinge erreichen, die wir ändern möchten“, das hatte er einmal geschrieben. Er sagte das weniger mit Blick auf die begrenzte Zeit, die er nach Aussage seiner Ärzte noch hatte, sondern im Hinblick auf die von ihm als unendlich empfundene Aufgabe, Menschen zu erreichen, die durch Gewalt und Krieg schwere Traumatisierungen durchgemacht haben und unter der „Last des Schweigens“ leiden. Er versuchte sie zu ermutigen, ihre Zurückhaltung hinsichtlich ihres verborgenen Wissens aufzugeben, damit ein ungehinderter innerer Dialog möglich wird. Nur dann könnte man in einen Dialog mit „dem Anderen“ eintreten und Frieden mit sich selbst und der eigenen Geschichte schließen. Das spätere Ziel wäre eine Verständigung mit einem früheren oder gegenwärtigen „Gegner“. Das Bild der „doppelten Mauer“ im Dialog: wenn eine Seite sich öffnet, trifft sie auf die Mauer des anderen und umgekehrt, dieses Bild wurde von ihm in seiner Arbeit mit Holocaustüberlebenden und ihren Familien entwickelt und es hat sich eingeprägt.

 

Dan Bar-On war verzweifelt über die immer schwieriger werdende Friedensarbeit mit den Palästinensern und doch entschieden, solange seine Kräfte reichten, dieser Arbeit gemeinsam mit seinem palästinensischen Freund und Kollegen Prof. Sami Adwan im Rahmen von PRIME (Peace Research Institute of the Middle East) Vorrang zu geben. Im Januar 2008 konnte man beiden im Körber Forum in Hamburg begegnen. Zu Yom Kippur 2007 erhielt Sami Adwan, der früher Mitglied der Fatah gewesen war, einen persönlichen Brief von Dan Bar-On, einen Brief, dessen Inhalt sich über viele Jahre in Dan Bar-Ons Seele entwickelt hatte. Die über Jahre geleistete gemeinsame Arbeit mit  Lehrern an der jüdischen und der palästinensischen Narrative war notwendig, um zu diesem schmerzlichen Bekenntnis zu gelangen. Auf eine sehr persönliche Weise legt Dan Bar-On die Einsicht über das durch die Israelis an den Palästinensern verübte Unrecht dar.  Die Sicht einer Minderheit, zu der die Mehrheit aus Ängsten zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage ist. Der Brief endet mit einer ausgesprochenen Entschuldigung für das, was die jüdische Führung, absichtlich und unabsichtlich,  1948 den Palästinensern angetan hat: „Auch wenn man die politischen und menschlichen Bedingungen verstehen kann, die diese Blindheit und Taubheit unserer Seite hervorgebracht hat (der Holocaust, Anm. CWS), so ist das doch keine Rechtfertigung für die Art und Weise, in der wir in unseren Beziehungen mit Deinem Volk gehandelt haben.“

 

Mit seinen Mitarbeitern und Freunden blieb er trotz seiner Erkrankung in einem dichten, beinahe täglichen Kontakt, ermöglicht durch die elektronische Kommunikation. Dan Bar-On war mit seinen nie belehrenden, sondern fragenden Kommentaren unaufdringlich präsent und ein Begleiter bei schwierigsten Aufgaben.

 

Dan Bar-On besuchte das Blaue Haus im Juni 2005 zum ersten Mal und hörte zu: die Gedanken zu den Aufgaben und Perspektiven der Arbeit hier wurden in einer Runde von Mitgliedern und Freunden zusammengetragen. In seiner Freiburger Vorlesung trafen ihn Menschen aller Altersgruppen als er seine Lebensgeschichte in die Geschichte seiner Forschung einwob, eine Zusammenschau, die er 2004 in seinem letzten Buch „Erzähl dein Leben“ veröffentlichte. „Ich kann doch nicht von anderen erwarten, dass sie etwas von sich erzählen, wenn ich selbst nichts gebe....“ Er wollte erzählen, aber vor allem wollte er zuhören.

 

Es war für ihn selbstverständlich und bereichernd, im August 2006 mit einem eigenen Angebot das Programm der „Tänze für das Blaue Haus“ in Breisach zu bereichern. Er brachte seine Interviewpartnerinnen, Renate Röder und Deena Harris (NY) mit, die jahrelang Erfahrungen im Dialog als Kinder von Nazitätern und Kinder von Opfern der Shoa gesammelt hatten. Die zwei Tage bleiben unvergesslich, als im Blauen Haus eine Gruppe von jüdischen Gästen und Mitgliedern des Fördervereins ihre Lebensgeschichten erzählten. Es waren Spannungen entstanden in der sprachlichen Verständigung. Dan Bar-On hielt die Gruppe zusammen und übernahm es ungefragt, jeden deutschen Beitrag ins Englische und jeden englischen Beitrag ins Deutsche zu übersetzen. Das konnte er, hatte er doch in den vierziger Jahren in Palästina mit seinen deutschen Großeltern Samson, Flüchtlingen aus Hamburg, ihre Sprache gesprochen. Als er 1985 seine Forschungsarbeit in Deutschland aufnahm und Interviews mit den Kindern von hochrangigen Nazitätern führen wollte, reaktivierte er seine Deutschkenntnisse und baute darauf in weiteren zwanzig Jahren auf.

 

Als er am 4. August 2006 mit mehreren hundert Zuschauern durch die Rheintorstraße den jungen Tänzern aus New York zum Blauen Haus folgte, war ihm sofort bewusst, dass wir alle in den Schritten derjenigen gingen, die vertrieben und vor 66 Jahren deportiert wurden. Er scheute sich damals nicht, seine Gefühle zu zeigen und tat das auch vor drei Monaten, als er mit seiner Frau und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen seines letzten Dialogseminars (unter dem Dach der Körber-Stiftung) genau vor dem Haus stand, in dem sein Urgroßvater Hermann Epstein in Hamburg gelebt hatte. Wir besuchten gemeinsam die Stolpersteine zum Andenken an diejenigen Angehörigen seiner Familie, die nicht das Glück hatten, sich ins Ausland retten zu können.

 

Ich selbst hatte das Glück, zu den Ausbildungsteilnehmern dieses Seminars zu gehören. Hier brachte er Praktiker der Friedensarbeit aus allen Erdteilen zusammen: Bosnier, Serben, Neu Seeländerinnen, Beduinen und Israelis, Deutsche, Engländer und Amerikaner. Über das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte entsteht Verständigung und Dialog.

 

Dan Bar-On ermutigte uns in jeder Hinsicht, die Arbeit im Blauen Haus fortzusetzen. Er schonte sich nicht, aber er schonte auch seine Zuhörer und Schüler nicht. Er wünschte, dass Interesse an seiner Arbeit Früchte tragen sollte und neue Projekte entstehen: ob es nicht irgendwann ein Lila Haus geben könne für die „Kinder der Täter“, war eine fragende Reaktion nach seinem ersten Besuch im Blauen Haus in Breisach.  Es beunruhigte ihn zunehmend zu bemerken, dass es zwanzig Jahre nach Beginn seiner Forschungen über die Auswirkungen der Nazizeit in den deutschen Familien immer noch keine Anlaufstelle für Menschen gab, die nach Unterstützung bei der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte suchten. Bis zuletzt wandten sich hunderte von Menschen an ihn um Rat und Hilfe.

 

Eine Arbeitsgruppe in Freiburg nahm sich, inspiriert von seinen Vorträgen an der Freiburger Universität, die dialogische Erforschung der einzelnen Familiengeschichten vor und trifft sich seit zweieinhalb Jahren kontinuierlich und mit großem persönlichem Gewinn.

 

Dan Bar-On starb am 4. September 2008 im Kreise seiner Familie in Tel Aviv. Gerne hätte er an seinem siebzigsten Geburtstag Anfang Oktober die Bemühungen seiner Freunde und Mitarbeiter kommentiert, die sich daran machen, ein internationales Institut zu gründen, das in seinem Sinne weiterarbeiten wird.

 

Vor allem sind wir dankbar für seine wache, warmherzige und kritische Freundschaft in der  Unterstützung des Blauen Hauses.

 

 

 

Dan Bar-On: Erzähl dein Leben! Meine Wege zur Dialogarbeit und politischen Verständigung. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2004

 

Adwan, Sami and Dan Bar-On (eds.) (2003, 2005, 2006):

Learning each  other’s historical narrative: Palestinians and Israelis. Beit Jala: 
Peace Research Institute in the Middle East (PRIME)

 

www.koerber-stiftung.de/Dialog/Dan-Bar-OnSeminar

www.juedisches-leben-in-breisach.de

 

Presse:

 

Badische Zeitung 30. 6. 2005 Zu welchem Hören bin ich wirklich bereit? Der israelische Psychologe Dan Bar-On sprach in Freiburg über seine Interviews mit den Kindern von Opfern und Tätern (Peter Winterling)

 

07. 07. 2005 „Zwang schürt Abwehrmechanismen“ BZ-Interview mit dem bekannten israelischen Psychologen Dan Bar-On über Vergangenheitsbewältigung und das Blaue Haus (Friedel Scheer)

 

09. 08. 2006 „Wir müssen unsere Orientierung ändern“ BZ-Interview mit dem israelischen Psychologen und Friedensforscher Dan Bar-On über mögliche Auswege aus der Dauerfehde in Nahost (Stefan Hupka)

 

16. 08. 2006 „Ich wuchs mit drei Lügen auf“ Workshop mit Dan Bar-On über „Ein Vermächtnis des Holocaust“ (Friedel Scheer)