von Dan-Bar-on, Ben Gurion University of Negev: 15. Juli 2006
In dem Film "Paradise Now" sagt ein potentieller palästinensischer Selbstmordattentäter zu seiner Freundin: "Die Israelis haben sich sowohl das Im-Recht-sein als Opfer wie das der totalen Machtüberlegenheit zu eigen gemacht. Sie haben uns gar keine andere Wahl gelassen, als dasselbe zu tun." Ich möchte diesem wichtigen Satz hinzufügen, dass, wenn beide Seiten sich als Eigentümer des Im-Recht-seins und des Machthabens betrachten, für Mitgefühl kein Raum bleibt.
Wenn auf den Norden und Süden Israels Raketen niedergehen, ziehen sich die israelischen Juden in ihr ursprüngliches Gefühl des Opferseins zurück: Wir sind ein kleines Volk, das von vielen äußeren Gefahren bedroht wird, denen man mit Entschlossenheit und Macht entgegentreten sollte. Dieses elementare Gefühl des Opferseins basiert auf dem Recht der Schwachen ("wer dich zu töten versucht, den töte vorher"). Wir haben dieses Gefühl des Opferseins während der letzten Jahrzehnte so oft erlebt, dass es für uns wie zu einer zweiten Natur geworden ist. Es verschafft uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und ermächtigt unsere Regierung, in unserem Namen auf die Feinde, die Zivilbevölkerung eingeschlossen, zu schießen, so wie sie auf unsere schießen. Wir sind allesamt gut trainiert in diesem Szenario und ziehen es womöglich allen anderen möglichen Szenarien in dieser Region vor.
Das Bewusstsein vieler unserer Menschen rotiert um dieses Im-Recht-sein des Opfers. Es ist kein Zufall, dass uns unsere Macht und Stärke und deren negative Auswirkungen auf die anderen, die unter unserer Machtausübung leiden, sehr viel weniger bewusst ist. Die Opfer haben gegenüber den Tätern einen Vorteil: Sie übernehmen nicht die Verantwortung für ihre eigenen Taten, weil diese nur Reaktionen auf die bösen Taten der anderen sind. Deshalb sollten wir in diesen harten Tagen der Bomben und Kämpfe in Gaza und im Libanon daran erinnert werden, dass unser machtorientiertes Auftreten im Libanon und in den besetzten Gebieten sowohl zu Entstehung der Hisbollah im Libanon wie der Hamas in den besetzten Gebieten beigetragen hat. Diese militanten Organisationen entstanden zum Teil als Reaktion auf unseren exzessiven Machteinsatz. Nachdem diese Organisationen zu einer uns bedrohenden Größe herangewachsen waren, beklagen wir uns und betrachten uns selbst als ihre Opfer und sie als Terroristen, mit denen wir nicht sprechen können...
Obwohl es bei uns die Tendenz gibt, alle unsere "Feinde" in eine Schublade zu stecken, möchte ich eine klare Linie ziehen, die zwischen der Hisbollah und der Hamas unterscheidet. Erstere ist eine terroristische Organisation, die gewaltsam und entgegen dem Völkerrecht gegen Israel vorgeht und dadurch auch die Sicherheit der libanesischen Regierung und Bevölkerung in Gefahr bringt. Sie ist von den regionalen Interessen des Iran und Syriens motiviert, und um sie sollte sich die internationale Gemeinschaft kümmern, weil sie nicht nur Israel, sondern die Region als Ganzes bedroht. Die israelische Regierung ist im Recht, wenn sie sich darum bemüht, diese Organisation zu schwächen, und die einzig offene Frage in dieser Hinsicht lautet, ob die aktuellen Militäroperationen im Libanon tatsächlich dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen, oder nicht in Wirklichkeit die Hisbollah stärken, wenigstens in den Augen ihrer arabischen Nachbarn.
Anders als die Hisbollah ist die Hamas-Regierung aus demokratischen Wahlen des palästinensischen Volkes hervorgegangen, hauptsächlich als Reaktion auf die vorige korrupte Regierung und weniger wegen ihrer Politik gegenüber Israel. Unter dem Druck der Europäer, Abu Mazens und der Abgesandten aus Ägypten und Jordanien haben wir in den letzten Monaten einen erbitterten Machtkampf innerhalb der Hamas gesehen, zwischen dem gemäßigten Teil der Hamas unter Führung von Ismail Hanija und dem militärischen Flügel mit Haled Maschal an der Spitze. Das Dokument der Gefangenen, das von Marwan Barguti und den führenden Leuten der in Israel inhaftierten Hamasmitglieder unterzeichnet wurde, könnte die Grundlage für einen Dialog zwischen Israel und der palästinensischen Autorität sein. Jetzt sind wir es, die die Führung eines solchen Dialogs verweigern, weniger aus politischer Klugheit als vielmehr aus einem Gefühl der Überlegenheit und Machtorientierung. Es war unsere militärische Reaktion auf die Entführung von Gilad Shalit, was den Extremisten der Hamas in ihrem Kampf mit den Gemäßigten Rückhalt gab, statt das das Gegenteil geschehen wäre. Worin besteht die Logik eines solchen Vorgehens?
Wir müssen mit dem palästinensischen Volk einen schmerzhaften, aber notwendigen Kompromiss über die Aufteilung dieses Landes erreichen. Ein Kompromiss lässt sich nur durch einen Dialog erreichen. Von allen Völkern in der Welt, die mit einem schwer zu bewältigenden Konflikt mit anderen Völkern belastet sind, sind wir das einzige, das sich zu begreifen weigert, dass ein Kompromiss nur in einem offenen Dialog zu erzielen ist. So ziemlich jedes Kind in Israel und Palästina kennt das Wesentliche dieses Kompromisses auswendig: Rückzug auf die Grenzen von 1967 bei geringfügigen Änderungen, zwei Staaten mit ihrer Hauptstadt in Jerusalem und eine systematische, Schritt für Schritt ablaufende Wiederansiedlung der palästinensischen Flüchtlinge, einschließlich Israels Anerkennung, dass es seinen Anteil an der Entstehung dieser schwierigen Frage hat. Darauf hat man sich bereits 2001 in Taba geeinigt, es wurde 2002 von der Arabischen Liga vorgeschlagen und war auch die Basis des Gefangenen-Dokuments. Wenn man darüber einen Kompromiss erzielt, werden die Palästinenser aus dem bedrohten Gleichgewicht in unserer Region herausgezogen, weil sie dafür kein unabdingbarer Bestandteil sind, sondern vielmehr darunter genauso leiden wie wir.
Es könnte dazu kommen, dass wir uns, wenn die Militäroperation vorüber ist, einer palästinensischen Regierung gegenübersehen werden, die dazu bereit ist, in Verhandlungen mit der israelischen Regierung einzutreten, die diesen Kompromiss zur Grundlage haben. Dann wird sich die Frage stellen: Gibt es eine israelische Regierung, die dazu imstande ist, einen solchen Verhandlungsprozess zu beginnen? Derzeit sieht es nicht so aus, dass die israelische Regierung das Mandat hat, einen solchen Kompromiss mit dem palästinensischen Volk zu schließen. Mit ihrem Abzug aus dem Libanon und dem Gazastreifen hat Israel versucht, wieder einen internen Konsens zurückzugewinnen, dem die lange Besetzung von Gebieten im Wege stand, die uns überhaupt nicht gehörten. Der Umstand, dass Israel dem Völkerrecht entsprechend jeden Zentimeter dieser Gebiete zurückgegeben hat, hat uns wieder ins Recht gesetzt, in unseren eigenen Augen wie in denen der internationalen Gemeinschaft. Wir haben dieses Gefühl so sehr genossen, dass wir es auch für das Westjordanland gelten lassen wollten, indem wir uns hinter einer 8 Meter hohen Mauer davon abschnitten. Dies war das Mandat, das die Kadima-Partei in den letzten Wahlen von der israelischen Bevölkerung erhalten hat. Der Ministerpräsident hat sogar behauptet, dass, wenn dies erst einmal erreicht sei, Israel ein Staat sein werde, in dem man "mit Freuden leben" werde, wobei er vielleicht an das uneingeschränkte Erreichen eines internen Konsenses und des Gefühls des Im-Recht-seins dachte, wenn der Grossteil der besetzten Gebiete aufgegeben würde.
In diesem ganzen "sauberen" Verfahren hat man aber vergessen, dass es da auch noch ein anderes Volk gibt mit seinen eigenen Bedürfnissen, Schmerzen und Gefühlen des Im-Recht-seins und Macht-habens. In diesem ganzen Verfahren haben wir nur Schach mit uns selbst gespielt, ohne das die andere Partei dabei mitsprechen durfte, weil es "bei denen niemanden gibt, mit dem man reden könnte" und sie sowieso "nur Stärke verstehen". In diesem Sinne waren die Kassam-Raketen auf Shderot und Ashkelon unangenehme Hinweise auf ein anderes Volk, das leidet und einen Weg braucht, sich zu Wort zu melden. Wer mit ihm nicht reden will, wird Raketen bekommen und entführte Soldaten zu beklagen haben.
Meine Empfehlung an die israelische Regierung, die bei ihrem Amtsantritt einer von leeren Versprechungen müden Öffentlichkeit ein neues politisches Programm versprochen hat, lautet deshalb: Schwächt die Hisbollah so sehr, wie ihr könnt, auch mit militärischen Mitteln, wenn die zu diesem Ziel führen können, aber gebt den neuen Entflechtungsplan auf, der uns Sand in die Augen streut, und beginnt mit den Palästinensern über den schmerzvollen Kompromiss zwischen ihnen und uns zu reden, über eine Lösung, die unsere beiden Völker so dringend brauchen. Und denkt daran, dass ein Kompromiss weder auf absolutem Im-Recht-sein noch auf absoluter Machtfülle basiert. Seine Grundlage ist Mitgefühl: Mitgefühl für die leidenden oder getöteten Menschen, Mitgefühl für ihre Angehörigen, Mitgefühl für eine Öffentlichkeit, die gerechte und erfolgreiche Kriege satt hat.