Breisach
26. Oktober 2000

BZ-INTERVIEW mit Ralph Eisemann, dem Sohn des letzten jüdischen Kantors von Breisach, über Gegenwart und Vergangenheit

„Zwei Jahre durfte keiner von Bord“

BREISACH (pst). Während der „Woche der Begegnung“ weilten gut vierzig jüdische Menschen, die einst in Breisach lebten beziehungsweise deren Angehörige in der Münsterstadt. Der Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus hatte in Zusammenarbeit mit der Stadt diesen Kongress organisiert. Unsere Mitarbeiterin Sylvia Pabst hat sich mit einem der Gäste, Ralph Eisemann, Jahrgang 1923, unterhalten.

BZ: Ihr Vater Michael Eisemann war der letzte jüdische Kantor in Breisach.

Eisemann: Ja, er war der letzte Kantor und Lehrer und lebte von 1924 bis 1938 im Jüdischen Gemeindehaus. Am 10. November 1938 wurde er mitten in der Nacht nach Dachau verschleppt, wo er ungefähr sechs Wochen blieb. Dann hat man ihn nach Freiburg in das Krankenhaus St. Joseph gebracht und operiert. Er hat danach zwei Tage überlebt. Er wurde in Freiburg begraben.

BZ: Wie lange lebten Sie in Breisach?

Eisemann: Bis 1938. Ich ging dann nach Frankfurt, um mich auf einen Kindertransport nach Palästina vorzubereiten.

BZ: Zum wievielten Mal besuchen Sie jetzt Breisach?

Eisemann: Es ist mein vierter Besuch in Breisach. 1965 kam ich das erste Mal zusammen mit meinen beiden Kindern und meiner Frau. Das zweite Mal war 1998 zur Einweihung des neu gestalteten Synagogenplatzes, als ich zu der Breisacher Bevölkerung sprach. 1999 kam ich mit meinen drei Enkeln hierher, um ihnen ihre Wurzeln zu zeigen. Mein jetziger Besuch ist mein vierter und ich komme auf Einladung der Stadt Breisach, um verschiedene Menschen und Schulfreunde aus aller Welt zu treffen.

BZ: Wenn Sie Ihren ersten Besuch mit dem jetzigen vergleichen, was ist anders?

Eisemann: Das ist ein großer Unterschied. Es war viel einfacher 1999 hier her zu kommen als 1965. Beim ersten Mal kam ich lediglich hier her, um die Gräber meines Bruders und meines Vaters zu besuchen. Mein Bruder liegt in Breisach, mein Vater in Freiburg begraben. Aber ich sprach damals mit niemandem und verließ Deutschland auch wieder sehr schnell.

BZ: Mit der Zeit wurde es einfacher hierher zu kommen?

Eisemann: Ja, besonders nach 1998. Damals habe ich mit vielen Menschen in Breisach gesprochen, ich trat ihnen damals offen gegenüber, die Tragödie, die 1938 passiert war, war dieses Mal für mich einfacher zu akzeptieren.

BZ: Als Sie nun die Einladung für die „Woche der Begegnung“ erhielten, was dachten Sie da?

Eisemann: Frau Dr. Christiane Walesch-Schneller hatte mich über die Gründung des Fördervereins informiert, der so äußerst entschlossen versucht, die Wunden zu heilen. So war es für mich leichter nach Deutschland zu kommen.

BZ: Soweit ich weiß, ist Ihre Tochter überraschender Weise für zwei Tage hierher gekommen.

Eisemann: Ja! Sie hatte beruflich in England zu tun und ich hätte nie geglaubt, sie hier zu treffen.

BZ: Sie haben zwei Töchter. Als sie aufwuchsen, wurden daheim die Geschehnisse des „Dritten Reichs“ und Ihre eigene Vergangenheit thematisiert?

Eisemann: Ja, sobald sie dafür alt genug waren, habe ich meinen Kindern die ganze Geschichte und wie ihr Vater aus Deutschland floh, erzählt, ich habe dabei nichts ausgelassen.

BZ: Wo leben Sie heute?

Eisemann: In den USA in New Jersey. 1939 hatte ich Deutschland verlassen, verbrachte zusammen mit 1500 anderen Menschen zwei Jahre als Flüchtling auf einem Frachter auf dem Weg nach Palästina. Das war der Kindertransport, von dem ich vorhin sprach. Wir durften nicht von Bord. Schließlich erhielten diejenigen unter 18 Jahren die offizielle Einreisemöglichkeit nach Palästina, wo ich fünf Jahre lebte und dann in die USA auswanderte.

BZ: Im deutschen Schulunterricht wird in verschiedenen Fächern der Holocaust behandelt. Auf der anderen Seite mehren sich in letzter Zeit antisemitische Gewalttaten besonders seitens junger Menschen. Versagt die Schule?

Eisemann: Ich denke, diese Erziehung sollte noch mehr zu Hause geschehen. Den eindrücklichsten Hintergrund erhalten die Kinder von ihren Eltern.

BZ: Werden Sie zu einem weiteren Besuch nach Breisach kommen?

Eisemann: Wenn es meine Gesundheit zulässt, werde ich sicherlich planen wieder zu kommen, denn ich möchte die Gräber meines Vaters und meines Bruders wieder besuchen. Ich bin dem Förderverein sehr dankbar, der sehr hart arbeitet, um die Öffentlichkeit über die Vergangenheit aufzuklären und hoffe, dass die Menschen für die Zukunft lernen und es nie wieder zulassen werden, dass sich die Geschichte wiederholt.

Zum Beginn der Seite


Breisach

27. Oktober 2000

Mit einem positiven Resümee und einem Blick in die Zukunft ist in Breisach die „Woche der Begegnung“ zu Ende gegangen

Viele Eindrücke und tiefe Gefühle

Von unserem Mitarbeiter Thomas Rhenisch

BREISACH. Einige der jüdischen Gäste, die auf Einladung des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus den Weg nach Breisach gefunden hatten, waren am Mittwochabend bereits abgereist. Dennoch platzte das Gemeindehaus in der Rheintorstraße schier aus den Nähten, so viele Menschen wollten an der Abschiedsveranstaltung der „Woche der Begegnung“ teilnehmen.

In einer offenen Gesprächsrunde berichteten jüdische Gäste – viele von ihnen haben ihre Wurzeln in Breisach – sowie Veranstalter und Teilnehmer von ihren Eindrücken und Gefühlen nach dieser Woche. Musikalisch wurde der Abend eindrucksvoll umrahmt von Katharina Müther aus Ehrenkirchen. Mit ihren mal melancholischen, mal fröhlichen jiddischen Liedern drückte sie genau das aus, was viele an diesem Abend empfanden.

„Ich weiß nicht, ob ich ein Einheimischer bin oder ein Fremder. Nach dieser Woche fühle ich mich aber wie ein Einheimischer. Es fehlen jedoch schmerzlich die vielen jüdischen Bürger, die vor sechzig Jahren noch hier gelebt haben und die dem Holocaust zum Opfer fielen.“ Mit diesen Worten beschrieb der in Breisach geborene Hans David Blum, der den Holocaust überlebt hat, seine Gefühle nach Tagen der gemeinsamen Trauer, die gleichwohl auch viele schöne Momente in sich bargen.

Eine andere Besucherin sprach von den vielfältigen Eindrücken und tiefen Gefühlen, die sie mit nach Amerika zurück nehmen werde. Das Wort Begegnung würde tatsächlich sehr gut das bezeichnen, was in der vergangenen Woche geschah. Indem sie ihre Geschichte(mit-)teilen konnte, habe sie viel über sich selbst erfahren. „Wenn man so verstanden wird, versteht man sich selbst.“

Ralph Eisemann, der Sohn des letzten jüdischen Kantors von Breisach, dankte dem Förderverein und Bürgermeister Alfred Vonarb für die Einladung und den sehr herzlichen Empfang. Angesichts seines Alters könne er nicht versprechen, dass er noch einmal nach Breisach zurückkehren werde, in jedem Fall wolle er aber den Kontakt in seine ehemalige Heimatstadt aufrechterhalten.

Die Vorsitzende des Fördervereins, Christiane Walesch-Schneller, dankte ihrerseits den jüdischen Gästen für den Mut, nach Breisach zu kommen, was für viele sicherlich nicht einfach gewesen sei. Sie berichtete auch von ihren Bedenken, ob alles so eintreten würde, wie es geplant war. Tatsächlich sei die Woche jedoch ohne größere Panne verlaufen. Erfreulich sei auch die Resonanz bei der Breisacher Bevölkerung gewesen. Für sie selbst seien es gerade die Vielzahl von Kleinigkeiten und Details, die in Erinnerung blieben. Sie hoffe, dass auch in Zukunft ein reger Austausch stattfinden werde. Bürgermeister Vonarb betonte, dass der Begriff Begegnung in der vergangenen Woche nicht nur eine wohlfeile Worthülse gewesen sei, sondern tatsächlich gelebt wurde. Er persönlich hätte sich besonders über das Wiedersehen mit einigen Besuchern gefreut, die er bereits bei früheren Gelegenheiten kennen gelernt habe. Ein wichtiger Aspekt dieser Woche sei vor allem auch die Begegnung der ehemaligen jüdischen Bürger Breisachs und ihrer Verwandten untereinander gewesen.

Stadtarchivar Uwe Fahrer zitierte ein Gedicht Erich Frieds, in dem es heißt, dass es ohne Erinnerung kein Vergessen und keine Rettung gäbe. Erinnert werden müsse an die Gräueltaten der Vergangenheit. Gedacht werden könne jetzt aber auch an die intensiven und emotionalen Begegnungen der vergangenen Tage, sagte Fahrer. Er hoffe, dass die Besucher, die vor einer Woche als Gäste nach Breisach gekommen waren, nun als Freunde gehen würden.

Zur vorhergehenden Seite Zum Beginn der Seite