Breisach
25. Oktober 2000

Jüdische Bürger, die früher in Breisach gewohnt haben, berichteten in Schulen von ihrem Leben

Schüler waren sichtlich beeindruckt

BREISACH (trh). Die Aula der Hugo-Höfler-Realschule war gut gefüllt mit Schülern der zehnten Klassen sowie einigen Achtklässlern, die an einem Projekt zum Holocaust teilgenommen hatten. Auf dem Programm stand eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Ehemalige jüdische Bürger und Bürgerinnen Breisachs, die den Holocaust überlebt haben, weilen derzeit im Rahmen der „Woche der Begegnung“ in ihrer ehemaligen Heimat. Am Montag besuchten sie neben dem Martin-Schongauer-Gymnasium, der Gewerbeschule und der Julius-Leber-Schule auch die Hugo-Höfler-Realschule und diskutierten dort mit Schülern und Schülerinnen über den Holocaust und das Schicksal der Breisacher Juden.

Bereitwillig antworteten die Gäste auf die Fragen, die Schülerinnen und Schüler vorbereitet hatten und berichteten über ihr Leben und die Verfolgung im so genannten „Dritten Reich“. „Wir alle tragen unsere Geschichte mit uns herum wie eine Schnecke ihr Haus“, sagte Henry Levi dabei einer Schülerin, die ihn nach seiner Einstellung dem heutigen Deutschland gegenüber fragte. Mit anderen Worten: Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, unsere Geschichte holt uns immer wieder ein.

Dennoch verblasse die persönliche Erinnerung allmählich und werde zur Geschichte. In seiner neuen Heimat, London, habe er auch deutsche Bekannte, mit denen er eine normale Beziehung unterhalte.

Ob sich die Gäste vor ihrem Besuch in Deutschland gefürchtet hätten, wollte eine andere Schülerin wissen. „Nein, wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich nicht zu fürchten“, antwortete Ralph Eisemann, der Sohn des letzten jüdischen Kantors in Breisach. Aber auch davon, wie er von seinen ehemaligen Freunden ab Mitte der Dreißigerjahre plötzlich gemieden, sogar bespuckt und beim Schlitten fahren verletzt wurde, berichtete Eisemann.

Und Carl Steeg, dessen Mutter aus Breisach stammt, und der heute ein erfolgreicher Kinderarzt und Kardiologe in New York ist, erzählte eindrucksvoll davon, wie sein Vater eines Tages nicht mehr von der Arbeit nach Hause kam und seiner Mutter von der Gestapo zunächst lediglich beschieden wurde, dass ihr Mann jetzt da sei, wo er auch hingehöre.

Viele Juden, das zeigte die Diskussion, fühlten sich damals zunächst einmal als Deutsche, die lange Zeit nicht wahrhaben wollten, dass so etwas wie der Holocaust von einer Kulturnation wie der deutschen begangen werden könnte. Dennoch seien einige Juden aus der Breisacher Vorderstadt bereits 1935 nach Frankreich geflohen. Viele von ihnen hätten gleichwohl nicht überlebt.

Sichtlich beeindruckt verfolgten die Schüler diese Schilderungen. Eine offene Diskussion, bei der zum Beispiel auch die Rolle der Großelterngeneration der Schüler thematisiert worden wäre, kam dabei jedoch nicht zustande. Auch als Henry Levi die Schüler nach ihrer Meinung zu aktueller Zuwanderung und Asylproblematik fragte, herrschte betretenes Schweigen. Für ein solches Gespräch, bei dem auch die Schüler ihre Meinung hätten offen sagen können, war wohl der Rahmen der Veranstaltung zu groß.

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