Breisach
24. Oktober 2000

Im „Offenen Begegnungscafé“ in Breisach berichteten die jüdischen Besucher von Vertreibung, Flucht und Auswanderung

„Wir müssen einiges gut machen“

Von unserer Mitarbeiterin Sylvia Pabst

BREISACH. Beim so genannten „Offenen Begegnungscafé“, das im Rahmen der „Woche der Begegnung“ in den Räumen des Museums für Stadtgeschichte eingerichtet wurde, wussten sich die anwesenden jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die einst in Breisach lebten, deren Angehörige und Interessierte aus der Münsterstadt viel zu erzählen.

In einer entspannten Atmosphäre wurden dabei Einzelschicksale beleuchtet, Geschichten über Vertreibung, Flucht und Auswanderung ausgetauscht und Erinnerungen an gemeinsame Bekannte geweckt. Vieles wurde dazu beigetragen, ein Stück der Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren. Mit dabei war auch die Freiburger Historikerin Christina Weiblen. Sie hat sich ausgiebig mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Eichstetten befasst. Ihre Nachforschungen sind in einem Kapitel der Eichstetter Ortschronik, Band II, zusammengefasst, die im Dezember erscheinen wird.

Zu den Erzählungen des Nachmittags gehörte auch die Geschichte von Fred Kort, Sohn polnischer Juden. Er hat vier Konzentrationslager überlebt, zuletzt Treblinka als einer von insgesamt neun Menschen. Ende Mai 1939, als Kort noch in Karlsruhe lebte, war er von den Nazis gezwungen worden, seinen Eltern nach Polen zu folgen.

„Dann begann eine schreckliche Zeit“, berichtet Kort. Er lebte in Ghettos in Lodz und in Warschau, wurde von der Gestapo in Arbeitslager gebracht und hatte schließlich keine Chance, den Viehwagentransporten nach Treblinka zu entkommen. „Ich war drei Personen entfernt vor der Gaskammer“, als er in Todesangst sich von seinem Platz erhob und konstatierte: „Ich bin in Deutschland geboren, ich spreche sehr gut Deutsch, ich bin Elektrotechniker.“ Schon wer es wagte aufzustehen, wurde sofort erschossen, nicht so Kort. Er wurde dem Arbeitskommando zugeteilt.

Ein Jahr und fünf Tage war er in diesem Konzentrationslager, dem einzigen, wie er erklärt, das nicht befreit, sondern liquidiert wurde. Ihm gelang die Flucht, er schaffte es bei Nacht, sich mit einem Spaten unter den Zäunen und Absperrungen in die Freiheit zu schaufeln, und obwohl er entdeckt wurde, konnte er den Schüssen der Wachen entkommen.

Es klingt wie ein Wunder, wenn Kort heute sagt: „Es macht mir nichts aus, hierher zurückzukommen.“ Er bewundere Deutschland heute, denn er glaube, dass die Menschen sich durch die Verarbeitung der Geschichte von dem, was so schrecklich falsch war, „rein machen“ wollen. Die Geschehnisse des Dritten Reichs kann er nur unter einer Art Hypnose geschehen sehen, unter der die Menschen standen. „Ich denke nicht, dass die Deutschen in ihrem tiefsten Innern wirklich so sind.“

Er verweist aber auch auf jüdische Menschen, die bis heute nicht den Horror der Vergangenheit verarbeiten konnten, von schlimmsten Alpträumen verfolgt und nicht bereit sind, jemals wieder ihren Fuß auf deutschen Boden zu setzen.

Die nichtjüdische Breisacherin Gertrud Dienst, Jahrgang 1925, hat auch den Weg zum Begegnungscafé gefunden. Sie erinnert sich an vier jüdische Klassenkameradinnen, zu denen sie ein gutes Verhältnis hatte. Ihre jüdische Banknachbarin und Freundin durfte am Tag nach dem Pogrom nicht mehr neben ihr sitzen, sondern musste in der letzten Reihe Platz nehmen. Kurze Zeit später habe das Mädchen mit ihrer Familie Breisach verlassen.

„Ich denke, wir müssen einiges gut machen“, betont Gertrud Dienst, und sie bedauert, dass aus ihrer Klasse sonst niemand zum Begegnungscafé gekommen ist, obwohl viele von ihnen heute noch in Breisach lebten. „Das kann ich nicht verstehen.“

Barbara Stockfisch, selbst Mitglied im Förderverein, fasst die Begegnungen im Café, den Gedankenaustausch und die Erzählungen mit den Worten zusammen: „Es war ganz intensiv, aber nicht laut oder pathetisch.“ Genauso wenig laut, aber ebenfalls sehr eindrücklich, wurde im Anschluss an das Café die Lebendigkeit des Nachmittags am ehemaligen jüdischen Gemeindehaus fortgeführt und geradezu versinnbildlicht. Der Künstler Josef Kornweitz ließ mittels einer Dia-Installation die Geschichte der heutigen Rheintorstraße aufleben. Reproduktionen alter Aufnahmen wurden von außen an die Hauswand des Gemeindehauses projiziert. Sie zeigten Menschen, die vor ihrer Vertreibung in der damaligen Judengasse lebten.

Das Zeigen der Bilder war gleichzeitig ein Beitrag zu einem Wettbewerb der Europäischen Union, der wohl nicht umsonst den Titel „Denkmal“ trägt. Ihn auch als Aufforderung „Denk mal!“ zu verstehen, dürfte nicht schwierig sein.

Wer übrigens Informationen zu Einzelschicksalen jüdischer Menschen aus Eichstetten geben kann und möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0761/8098481 an Christina Weiblen wenden.

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