Breisach
15. Januar 2001

Rückblick auf die Breisacher „Woche der Begegnung“ und was von ihr bleiben könnte / Briefe und Einträge ins Gästebuch zeugen von der Dankbarkeit der Besucher

„Ein sehr bedeutender und wichtiger Prozess“

Von unserem Mitarbeiter Leopold Glaser

BREISACH. Dass vor einigen Wochen ehemalige jüdische Mitbürger, die den Holocaust überlebt hatten, und Angehörige der Umgebrachten zu einer „Woche der Begegnung“ nach Breisach gekommen waren, erscheint im Rückblick als eines der bedeutendsten Ereignisse des vergangenen Jahres in der Münsterstadt: als ein geistiger und politischer Höhepunkt. Mit der Einladung an die Juden, so ist aus den Reaktionen der Gäste zu schließen, hat sich die Stadt selbst ein denkwürdiges, bedeutendes Geschenk gemacht.

Obgleich der Anlass, der 60. Jahrestag der Verschleppung der letzten Breisacher Juden in das Lager Gurs, ein denkbar trauriger war, wurde das Treffen zu einer befreienden Erinnerung. Wesentlich dazu beigetragen hat – neben allen anderen Zeichen der Aufmerksamkeit – die Ansprache von Bürgermeister Alfred Vonarb auf dem Synagogenplatz, in der er im Namen der Stadt um „Verzeihung und Vergebung“ für das den jüdischen Breisachern zugefügte Leid bat und versicherte, alles denkbar mögliche solle getan werden, dass dergleichen nie wieder geschehe.

Viele Briefe an den „Förderverein ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus“ und auch an den Bürgermeister sowie Einträge ins Gästebuch geben bewegendes Zeugnis von der Dankbarkeit der Besucher für die Gesten der Freundschaft, die sie in dieser Woche hier erfuhren.

So schrieben Hans Blum, der eine Geschichte der Breisacher Juden verfasst hat, und seine Frau Lotti (New York): „Es war ein wunderbares Zusammensein in der alten Heimat, wenn auch wehmütige Erinnerungen damit verbunden waren.“ Und Helga Breisacher-Careskey aus Indianapolis (USA) bekannte: „Es war die Reise meines Lebens, mit meiner Familie diese Erfahrung zu teilen und alte Erinnerungen zu beleben. Welche Gefühls-Achterbahn. Wir weinten und lachten und gingen durch die alten Straßen – es war schwer, mich nach so vielen Jahren zurückzuversetzen.'.'. Mein Dank!“

Und es war für einige auch schwer, überhaupt noch einmal zurück zu kommen nach Breisach, nach all dem Furchtbaren, was geschehen ist: „Mit großer Angst habe ich diese großzügige Einladung .'.'. angenommen“ – die Stadt zu besuchen, an die sie ihre „glücklichsten Kindheitserinnerungen“ – vor allem die Besuche bei ihrer Großmutter Sophie Levi – habe, schreibt Ellen Sternberg-Levi aus Kapstadt/ Südafrika. Doch „das aufrichtige und warmherzige Willkommen .'.'. zerstreute meine Zurückhaltung und meine Tränen halfen mir, an allem, was während der nächsten Tage folgte, teilzunehmen. Aus der Tiefe meines Herzens: Danke.“

Tränen der Trauer und der Freude: Andere Gäste, so die 90 Jahre alte Lore Dreyfuß-Cymbalist und ihre Familie aus San Antonio/Texas, Henri und Ethel Levi aus London, Leopold und Rita Marx aus Zürich, schreiben von der bedeutsamen, bewegenden und wunderbaren Erfahrung, die diese Woche der Begegnung für sie war, und von den „tiefen und ergreifenden Erinnerungen“, die sie mit nach Hause nehmen. Sie alle hatten ein starkes Gefühl, dass ihre Anwesenheit in Breisach etwas ganz Besonderes bedeutete: „Es ist ein sehr bedeutender und wichtiger Prozess, an dem wir teilgenommen haben“, sagt Elaine Wolff-Wurmser. Und Wendy Metter aus Texas teilt mit: „Wie wunderbar, die Straßen der Vergangenheit meiner Mutter und unserer Vorfahren entlang zu gehen.'.'. Ich fühle mich bereichert, ein Teil dieses historischen Ereignisses gewesen zu sein.“

Die Freude darüber, nun von Angesicht gesehen zu haben, was sie bisher nur aus Erzählungen von Eltern oder Großeltern kannten, und selbst an die Wurzeln zurückgekehrt zu sein, ist ein immer wiederkehrendes Motiv der Briefe. „Meine Mutter hat immer wieder erzählt von ihren wunderbaren Ferienerinnerungen an Besuche in der Heimatstadt ihrer Großmutter Babette Blum-Weingärtner.'.'. Jetzt ist die Stadt auch für mich ein realer Ort geworden. Dank dem Verein für seine Liebe und Hingabe an unser gemeinsames Erbe.“ So Werner Frank aus Calabasas/ Californien, der auch auf die geistig-moralische und zugleich politische Dimension der Arbeit des Fördervereins hinweist: „Ihr erstaunliches Engagement und Ihre Hingabe an das Anliegen eines besseren jüdisch-christlich-deutschen Zusammenlebens ist ein Segen für uns alle.“

Ähnlich äußern sich auch Carl Steeg-Kahn, Psychiater in New York, und seine Frau Rhonda: „Der Besuch hat uns ein Gefühl der Hingabe und der Zugehörigkeit vermittelt. Wir werden immer ein Teil von Breisach und vom Verein sein.'.'. Macht weiter mit der guten Arbeit.“ Und noch einmal Lore Dreyfuß-Cymbalist, die älteste Teilnehmerin der Begegnung, und ihre Angehörigen, die gern wieder nach Breisach kommen möchten: „Wir können nicht oft genug sagen, wie viel wir in dieser Woche gewonnen haben, die wir mit Ihnen verbringen durften.“

Alles wirkliche Leben ist Begegnung, hat der große jüdische Weise Martin Buber einmal gesagt. Begegnung, die aus der Erinnerung Kraft gewinnt: In diesem Sinn war diese Woche offensichtlich ein ermutigendes Ereignis. Ellen Mendel, Psychiaterin in New York, hat das auf einen schönen Nenner gebracht: „Ich glaube, dass die Bindungen, die in diesen Tagen geknüpft wurden, von Dauer sein werden und wir an dieser erstaunlichen und wunderbaren Erfahrung wachsen können.“ Sie schloss ihren Brief mit dem Zuruf: „Vielleicht kann ich nun sagen: Ich bin eine Breisacherin.“

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