Freiburger Umland
6. Dezember 2000

Christina Weiblen erforscht das jüdische Leben im Winzerdorf im 18. bis 20. Jahrhundert / Großes Interesse von Nachfahren

Jüdische Lebenswege in Eichstetten

Von unserer Mitarbeiterin Sylvia Pabst

EICHSTETTEN. „Eichstetten war nicht besser oder schlimmer als jede andere Stadt oder Gemeinde im Dritten Reich“, betont die Freiburger Historikerin Christina Weiblen. Seit mehreren Jahren forscht sie über das jüdische Leben in Eichstetten im 18. bis 20. Jahrhundert. Zusammen mit dem Geschichtswissenschaftler Ulrich Baumann legt sie nun die Ergebnisse ihrer Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert vor. Sie sind Teil des zweiten Bandes der Ortschronik Eichstetten, die heute um 19.30 Uhr im Schwanenhof vorgestellt wird.

Christina Weiblen hatte als Studentin einige Jahre in Eichstetten gewohnt und damals ihre Examensarbeit über die geschichtliche Entwicklung der jüdischen Gemeinde im 18. und 19. Jahrhundert geschrieben. Das Thema ließ die heute 33-Jährige seither nicht mehr los, und sie nennt mehrere Säulen, auf denen ihre Forschungen ruhen.

So sind Archive, Interviews mit Menschen, die das Dritte Reich erlebt haben, Reisen zu Überlebenden und Nachfahren sowie der Austausch über das Internet mit Nachfahren ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger Eichstettens wichtige Quellen für ihre Arbeit. Auch die erst kürzlich in Breisach veranstaltete „Woche der Begegnung“ war für sie von großer Bedeutung, traf sie dort doch Menschen jüdischen Glaubens, mit denen sie zum Teil schon länger dank ihrer Forschungen in Briefkontakt gestanden hatte.

Die Historikerin stellt in der Ortschronik Eichstetten das Leben in der jüdischen und politischen Gemeinde Eichstettens im 19. und 20. Jahrhundert dar. Sie beschreibt die Einrichtungen und die demographische Entwicklung der jüdischen Gemeinde, erinnert an die Synagoge im Ort, die beim Pogrom 1938 völlig zerstört wurde, berichtet von den Deportationen in die Lager von Gurs und Auschwitz und verweist auf den noch heute bestehenden, 1809 gegründeten, jüdischen Friedhof.

„Viele jüdische Nachfahren besuchen heute noch diese Gräber in Eichstetten“, erklärt Christina Weiblen, was in ihren Augen deutlich macht, dass die Beschäftigung mit der jüdisch-deutschen Geschichte nie zu Ende sein kann. Als Drama empfindet sie, dass ihrer Meinung nach sehr wenig gelernt worden ist aus der Geschichte. Ihr ist es wichtig, Geschehenes nicht zu verdrängen, sondern daran weiter zu arbeiten, statt heute einen für sie so unsäglichen Begriff wie „Leitkultur“ in den Mund zu nehmen.

Um das Leben der jüdischen Gemeinde Eichstettens bildlich vor Augen zu führen, hat die Historikerin zahlreiche Fotos ehemaliger Eichstetter Jüdinnen und Juden in der Ortschronik veröffentlicht. Darüber hinaus findet sich dort auch ein Rundgang zu den Häusern, in denen 1936 jüdische Personen im Ort gelebt haben. Die meisten dieser Gebäude stehen heute noch, und Christina Weiblen plant diesen Rundgang ausführlich zu kommentieren.

Sehr unterstützt wurde Christina Weiblen bei ihren Forschungen durch die Gemeindeverwaltung Eichstetten, und sie hofft, dass die Geschichte der jüdischen Gemeinde Eichstettens tatsächlich als Teil der Ortsgeschichte verstanden wird. Auch hat sie schon zahlreiche Anfragen aus Israel, den USA, Südamerika, Kanada und Frankreich von Nachfahren ehemaliger jüdischer Menschen aus Eichstetten, die auf eine englische Fassung ihres Chronikbeitrags hoffen. Ein entsprechender Antrag an den Gemeinderat sei in Vorbereitung, erklärt die Historikerin.

Was ihre weiteren wissenschaftlichen Arbeiten angeht, plant die 33-Jährige in ein paar Jahren eine CD-Rom herauszugeben mit Daten und Bildern sämtlicher jüdischer Familien aus Eichstetten. Mit dieser Art der Stammbaumforschung möchte sie Wanderungsbewegungen Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts darstellen.

Ein weiteres Projekt ist die Beschreibung des Lebens im Exil derjenigen Menschen aus Eichstetten, denen noch rechtzeitig die Flucht aus Nazideutschland gelang.

Sehr froh ist Christina Weiblen darüber, dass sie während ihrer Untersuchungen bis heute keine negativen Rückmeldungen zu ihrem schwierigen Thema erreicht haben. Dies lässt sie hoffen, dass in Eichstetten ein großes Interesse an der Erforschung des jüdischen Lebens besteht: „Ich hoffe, dass mein Beitrag mit Interesse gelesen wird und er zum Nachdenken anregt.“

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