Badische Zeitung vom Donnerstag, 30. Juni 2005

Die Kinder der Täter und Opfer
Der israelische Psychologe Dan Bar-On sprach in Freiburg über seine berühmten Interviews



Dan Bar-On Dan Bar-Ons Botschaft an die Deutschen fällt kritisch aus: Trotz aller Mahnmale und Gedenkstätten, Tagungen, Stolpersteine und Museen sei die seelische Verarbeitung des Holocaust bei weitem nicht geleistet, die Fragen nach der Täterschaft im Nationalsozialismus in den Familien nicht gestellt geschweige denn beantwortet. Schonung und Schweigen beherrschten das Feld der Nachgeborenen.

Der prominente israelische Psychologe deutsch-jüdischer Herkunft, Jahrgang 1938, lehrt an der Universität von Be’er Sheva und hat sich durch Interviews mit den Kindern von Opfern und Tätern einen Namen gemacht. Seine Arbeiten bauen auf Vertrauen, Reflexionsvermögen sowie das Überwinden einer starren Loyalitätsbindung an die eigene Gruppe. 1985 setzte er, zunächst mit mäßiger Resonanz, seine in Israel begonnenen Interviews in Deutschland fort, indem er beispielsweise die Nachkommen von SS-Männern zu Gesprächen einlud. Es zeigte sich, dass die „objektive“ Geschichtskenntnis keineswegs notwendig mit einer inneren Klärung einhergeht. Dan Bar-On setzt darauf, dass ein Friede im weitesten Sinne nur erreicht werden kann, wenn beide Seiten davon profitieren. Er meint dies sowohl im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt als auch auf die inneren Frontstellungen seiner Gesprächspartner. 1993 brachte er in einer Aufsehen erregenden Initiative Kinder von Opfern und Tätern, Israelis und Deutsche der mittleren Generation, in einer mehrtägigen Gesprächsrunde zusammen. Die BBC zeichnete die Gespräche auf, doch das israelische Fernsehen zögerte lange mit der Ausstrahlung, obwohl es die Lizenz erworben hatte.

Denn die Holocaust-Opfer und ihre Nachkommen genossen in den frühen Jahren des Staates Israel keineswegs das Ansehen, das ihnen moralisch zustand. Trotz ihrer militärischen und Aufbauleistungen in der neuen Heimat waren sie den „Sabras“, den „echten“ kernigen Israelis der früheren jüdischen Einwanderer unterlegen und gerieten so in eine vielfach empfundene doppelte Heimatlosigkeit.

Dan Bar-On referierte in Freiburg auf Einladung des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach, des Carl-Schurz-Hauses und des Psychoanalytischen Seminars. Im BZ-Gespräch vor seinem Vortrag übt er entschiedene Kritik an der deutschen Misere und betont einen Zusammenhang zwischen der unzureichend bearbeiteten Vergangenheit der Deutschen und ihrer Unfähigkeit, sich als selbstbewusste Nation zu definieren. Stehen die Schulen und Hochschulen als Einrichtungen des Staates hier in der Pflicht? „ Man erwartet zu viel von den Schulen“, meint Bar-On. Es gehe darum, die eigene Familie, die eigene Herkunft genauer anzuschauen, doch stießen die Fragenden hier oft auf eine Mauer des Schweigens. Bar-On sieht zahlreiche wichtige Anknüpfungen von Gesprächen zwischen Deutschen und Israelis , doch er vermerkt auch die Tendenz, Polarisierungen vorzunehmen, zum Beispiel einseitig für die Seite Israels oder Palästinas Partei zu ergreifen.

Im überfüllten Hörsaal spricht Dan Bar-On frei, in einem schönen, klaren Deutsch, das er als Bub von seinen in letzter Minute entkommenen Großeltern gelernt und erst spät wieder aufgenommen hat. Allein dieses selbstbewusste Auftreten in der Sprache der Gastgeber nimmt ihn für sein Publikum ein. Während er wenig von seiner neuesten Verständigungsarbeit zwischen Israelis und Palästinensern berichtet, steht die psychologische Gesprächstätigkeit mit den Kindern der Opfer und der Täter im Mittelpunkt. Es gebe auch ein zwanghaftes Reden, das wie Schweigen wirkt, ein Bekenntnisstrom, von dem sich die Kinder bald abgewandt hätten, weil er ihre Fragen nicht beantwortet hat und die Nachkommen mit Therapeuten verwechselte. Denn wichtig sei auch die Fähigkeit zur Empathie: „ Zu welchem Hören ist der Interviewer auch wirklich bereit?“

Diese äußerst sensible Seite der Gestaltung von Interviews erfordert auch ein Stück Theorie und Methodenlehre, über das Bar-On wohl in seinen Publikationen, nicht aber vor einem doch fachlich sehr ausgewiesenen Publikum spricht. Zu sehr stellt er nun leider das bloß Episodische, sich selbst und die Wagnisse seines Tuns in den Mittelpunkt der Deutungen, zu schwach fällt der Blick des Referenten auf die wissenschaftlich-methodische Seite seiner Arbeit aus.

Peter Winterling

 

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