Badische Zeitung vom Dienstag, 27. Mai 2008

Den toten Kindern eine Stimme verleihen
200 amerikanische Jugendliche haben im ehemaligen KZ Struthof ein Holocaust-Oratorium aufgeführt / Konzert heute in Freiburg



"Ich dachte vor Beginn unserer Reise nicht, dass es so schockierend sein würde" , sagt Keisha Held. "Es kommt mit Macht über einen und man kann spüren, was hier geschehen ist." Die 18-jährige Musikstudentin gehört einer Gruppe von 200 Jugendlichen und Studierenden zwischen 13 und 25 Jahren aus Minnesota an, bestehend aus einem Orchester, einem gemischten Chor, einem Mädchenchor und Solisten, die seit Mitte Mai durch Europa reisen und in dieser Woche das Elsass und Baden besuchen. Heute sind sie in der Freiburger Universitätskirche zu hören. Sonntag gestalten sie den Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Ihringen mit. Bis auf den Mädchenchor, den Cantabile Girls Choir, studieren die jungen Amerikaner Musik an einer von drei Universitäten in Minnesota.

Gestern Abend erlebten sie in den Vogesen im ehemaligen Konzentrationslager Struthof den Höhepunkt ihrer Reise. Auf einer eigens gebauten Bühne neben dem Mahnmal oberhalb des Lagers haben sie nicht irgendein Werk aufgeführt. Sie sind mit dem 2005 uraufgeführten Holocaust-Oratorium des amerikanischen Komponisten Stephen Paulus im Gepäck nach Europa gereist, einem Werk, das den Kindern gewidmet ist, die in den Konzentrationslagern und Ghettos der Nazis ermordet wurden.

"To be certain of the Dawn" lautet sein Titel — sich der Morgendämmerung gewiss sein — und es verleiht den toten Kindern stellvertretend eine Stimme. In Düsseldorf, wo sie das Oratorium zum ersten Mal in Europa aufführten, wurden Gesichter ermordeter Kinder als Hintergrund projiziert. "Man hat gespürt, wie tief Bilder und Musik die Menschen berührten" , sagt der deutsche, in den USA lehrende Hochschulprofessor Bernhard Reuter, der die Reise des Ensembles organisiert hat. Als er gebeten wurde, das Oratorium nach Europa zu bringen, erschien ihm das Lager in Struthof als der richtige Ort, gerade weil es in den USA weniger bekannt ist und in einer Grenzregion liegt. Die jungen Musiker — viele von ihnen haben deutsche Vorfahren — können hier die Mitte Europas erleben.

Einen Bezug hat Keisha Held sofort gefunden. Sie und die Gruppe wollen auf dieser Reise nicht nur andere mit ihrer Musik erreichen, sondern auch Kirchen und Synagogen besuchen und Menschen begegnen. "Das hier ist für uns eine große menschliche Erfahrung" , sagt Keisha. "Sie lässt uns wachsen." Bei der Führung am Morgen auf dem Lagergelände hätten manche geweint, erzählt die Leiterin der Gedenkstätte Struthof, Valérie Drechsler, tief beeindruckt. "Sie haben sofort begriffen, welche Bedeutung der Ort hat."

Die Totenmesse, die Stephen Paulus zum 60. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager und des Kriegsendes komponierte, will ein christliches Zeichen setzen. Erinnerung, Identität, historisches Gedächtnis — das sind Themen, die das Oratorium transportiert, das sich musikalisch in der Tradition der amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Samuel Barber bewegt — und deshalb harmonisch, nicht atonal klingt.

Keisha sitzt mit anderen jungen Mädchen aus dem Chor auf der Wiese vor der Gedenkstätte Struthof. Es ist ein mächtiger, lang gestreckter Quader aus schwarzem Stein. Der Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager liegt etwa 100 Meter von ihnen entfernt. Der Besuch hat sie beeindruckt, aber nicht stumm gemacht. Sie singen einige Stücke aus ihrem Gospelrepertoire. Französische Schüler bleiben erstaunt in Entfernung stehen und grinsen verständnislos. Die jungen Musiker bewegen sich unbefangen und doch mit Respekt an einem Ort, der viele, nicht nur Jugendliche, zunächst verunsichert.

— Das Konzert heute Abend mit Werken von Mozart, Bartók und Copland in der Universitätskirche beginnt um 20 Uhr. Eintritt frei. Nach dem Konzert am Sonntag im Gottesdienst der Evangelischen Kirche Ihringen (9.45 Uhr) besucht die Gruppe dort den jüdischen Friedhof. Ein "musikalischer Impuls" ist am Sonntag, 16 Uhr, auf dem Synagogenplatz in Breisach geplant. Danach geben sie um 18.30 Uhr ein Konzert in der Kirche St. Johann in Oberrotweil.

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