Künstlerisches Schaffen hat therapeutischen Wert. Nicht selten drängt es aus seelisch traumatisierten Menschen he-raus, und viele Überlebende des Holocaust standen vor der Wahl, sich entweder das Leben zu nehmen oder dem Entsetzlichen eine künstlerische Form zu geben: im Malen, Zeichnen, Dichten, Erzählen oder Komponieren. Anna Ornstein, Fachärztin für Kinderpsychiatrie und Psychoanalyse, Professorin in Cincinnati und Harvard, weiß, wovon sie in der Universität Freiburg berichtet.
Wer fragt nach der eingebrannten Nummer auf ihrem Unterarm, wer will es wirklich wissen, was die damals 17-Jährige durchlitten hatte, als die Überlebenden im Vernichtungslager Auschwitz befreit wurden? Auch wenn ihr Vortragsmanuskript über "Schöpferisches Tun und der Heilungsprozess" im Wesentlichen einem in einer einer amerikanischen Fachzeitschrift bereits veröffentlichten Aufsatz entsprach — es waren die kleinen Abschweifungen, die zugewandte Haltung und die spontane Bereitschaft zum Gespräch, die ihren Vortrag belebten.
Ornstein setzt auf das wissen Wollen und das Aussprechen des Erfahrenen. Häufig erfolge die zweite Kränkung der Traumatisierten durch das Desinteresse der Nachgeborenen, auch durch die Unfähigkeit, die Gebrochenheit der nachgelassenen Texte und Bilder zusammenzufügen. Anna Ornstein, ungarisch-jüdischer Abstammung, hat in der Nachkriegszeit in Heidelberg studiert, wo eine geisteswissenschaftlich und im Zwischenmenschlichen fundierte Medizin bereits eine Tradition besaß. Es war nicht die Theorie vom künstlerischen Schaffen oder von der Wahrheit der persönlichen Leidenserfahrung, die ihren Vortrag belebte, sondern ihre strahlende Empathie dem Publikum gegenüber. "Wie können Sie uns als Deutsche so freundlich ansprechen?" , fragt eine Zuhörerin betroffen. Und die alte Dame antwortet: "Wenn man wirklich Bescheid weiß, werden die Menschen es nicht mehr tun." Anna Ornsteins aufklärerischer, der klassischen Wiener Psychoanalyse verpflichteter Optimismus wirkt fast bestürzend, zumal ihr Ehemann und Kollege Paul Ornstein aus dem Publikum heraus auch gegen den Gebrauch der deutschen Sprache entschieden interveniert. Die Frage nach dem bewahrten und gefährdeten jüdischen Glauben, nach dem im Lager mühsam gefeierten Pessach-Fest als Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei beantwortet Anna Ornstein konziliant, und Paul Ornstein fährt plötzlich auf Englisch dazwischen: "Gott war vom Lager abwesend!" Hier waren auf einmal die zwei Haltungen jüdischer Menschen nach dem Holocaust gegenüber den Deutschen gleichzeitig anwesend.
Im Bewusstsein der jüngeren Generation sinkt auch die Shoah ins Dunkel der zahlreichen Schrecken der Menschheitsgeschichte ab. Anna Ornstein plädiert entschieden für Gedenkstätten, aber sie weiß um deren zeitlich begrenzte Wirksamkeit. Sie berührt damit ein Tabu, nicht aus einem Interesse an der Verdrängung des Furchtbaren, sondern aus dem Wissen heraus, dass die im Augenblick gelebte Menschlichkeit des Sagens und Hörens stärker ist als das Erleiden und Wissen des Entsetzlichen.
Peter Winterling