Als er 1961 nach Deutschland kam, nach Westdeutschland, von dem er dachte, es sei noch so, wie er sich Deutschland vorstellte, erlebte er die Enttäuschung, dass man zwar nach seiner Zeitzeugenschaft als Jude und als Insasse des Gulag für über zehn Jahre fragte, aber ihn nicht als deutschen Dichter wahrnehmen wollte. Dabei hatte Moses Rosenkranz als Jude aus ärmlichen Verhältnissen in Berhometh am Prut und dann in Czernowitz, um 1920, aus diversen Sprachen sich erhebend, aus Jiddisch und Ruthenisch, Russisch, Polnisch und Rumänisch, die er als "polyglotten Notballast" betrachtete, das Deutsche als seine Sprache erwählt und war ein deutscher Dichter geworden und hatte wegen seiner Deutschsprachigkeit und "Deutschfreundlichkeit" gelitten in einem Wanderleben und dann in den Lagern und noch, als er aus dem Gulag nach Rumänien zurückkam. Er konnte sich nur verstehen als "Der Erledigte", der "Gestrichene im Lebensbuch", dem "die Welt versagt die Wiederkehr / Zu mir kommt niemand zu Besuch / und mich erwartet niemand mehr". Mit drei Gedichtbänden zwischen 1927 und 1940 hatte er sich in Czernowitz und Bukarest einen Namen gemacht; nun, in Deutschland, konnte er zwar im Verlag Wort und Welt in Innsbruck und im Südostdeutschen Kulturwerk 1986 und 1988 zwei Bände mit Lyrik veröffentlichen, mit ganz unzeitgemäßer Lyrik, deren Sprache herausfiel aus der Entwicklung, welche die deutsche Lyrik in Deutschland selbst genommen hatte. Seine Gedichte sind Zeugnisse schrecklicher Orte Aber erst als der Aachener Rimbaud-Verlag den Band "Bukowina. Gedichte 1920 - 1997" (1998) und dann - ein Ereignis in der Geschichte der deutschen Prosa - das Fragment einer Autobiographie mit dem Titel "Kindheit" im Jahr 2001 veröffentlichte, begann so etwas wie ein später Ruhm; da war er, der 1904 geboren war und die Zeit der k.u.k.-Monarchie noch bewusst erlebt hatte, über 90 Jahre alt. Seine Gedichte, darunter unglaubliche Verse vom Judentod und von Grässlichkeiten wie der Latrine im Gulag, sind Zeugen der schrecklichsten Orte und Schicksale des vergangenen Jahrhunderts, und es sind bewegende Klagen, Klagen über die Zugehörigkeit zu einer Kultur und Sprachkultur, die zu spät zu ahnen begann, was sie auch sich selbst antat und angetan hatte, als sie die osteuropäischen Juden ermordete. Moses Rosenkranz lebte in den letzten Jahrzehnten in Lenzkirch im Schwarzwald, erblindet, vielleicht der letzte jener deutschen Dichter aus der Bukowina, aus jenem österreichischen Kronland, dessen Name Buchenland ähnlich klang wie Buchenwald. Vielleicht gibt es eines Tages eine "Geschichte der deutschen Prosa", und darin wird Rosenkranz' Autobiographie figurieren müssen als ein wunderbarer Beleg für das, was in unserer Sprache möglich war oder gewesen wäre, wenn sie vom Deutsch der Nazizeit und der Nachkriegszeit verschont geblieben wäre; in dieser Hinsicht ähnelt Rosenkranz' Sprache dem Deutsch des Gelehrten Gershom Scholem und dem Deutsch des Essayisten Werner Kraft. Jetzt hat der Verlag, der "Kindheit" publizierte, die Verpflichtung, auch die Fortsetzung "Jugend" zu veröffentlichen. Unsere deutsche Sprache steht in der Schuld Moses Rosenkranz', der im Alter von 99 Jahren jetzt in Lenzkirch gestorben ist. Zwar hat er geschrieben: "Die Realität meines Lebens entzieht sich jeder Möglichkeit einer Schilderung", aber das ist nicht ganz die Wahrheit, denn ihm war die deutsche Sprache das einzige Medium, das seinem Innern entsprach, und das gab ihm die Kraft, die schauderhaftesten Wirklichkeiten eines, seines europäischen Lebens zu benennen. Sein Name und sein Andenken seien gesegnet! Jörg Drews
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