Das Thema lag dort auf der Hand: eine Auseinandersetzung mit der Deportation der Breisacher Juden, zu denen Aviva Geismars Großeltern gehörten. Dass der Tanz ein Medium sein könnte, den Schre-cken der Geschichte zu vergegenwärtigen, hatte man sich vorher vielleicht nicht vorstellen können. Die fast schmerzliche — unwiederholbare — Intensität der Breisacher Performance macht in Freiburg einer fröhlichen Ausgelassenheit und poetischer Leichtigkeit Platz. Fünf
Schulen, sechs "Young Dance-Makers’ Creations" : Was man sich unter den in sechstägigen Workshops erarbeiteten Performances vorstellen kann, bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen. So ist es ja oft im Tanz: Bewegungen stehen zunächst für sich selbst und wollen auch nichts Konkretes bedeuten.
Die Jugendlichen der Pestalozzi-Realschule haben sich immerhin für einen Gegenstand entschieden: den Stuhl. Mit Stühlen lässt sich, wie die jungen Tänzer eindrucksvoll zeigen, eine Menge anstellen. Man muss keineswegs nur auf ihnen sitzen. Das tänzerische Spiel mit den Stühlen — jede akrobatische Einlage wird heftig beklatscht — wirkt auf der Großen Bühne verblüffend professionell.
Die "Dance-Maker" — wie soll man das nur übersetzen — der Emil-Gött-Schule haben sich für eine HipHop-Performance entschieden: Schön, wie die fünf Jungen der Gruppe sich am Anfang zu einem Körper verbinden, wie sie einen Kreis bilden um den einen von ihnen, der einen Fußball auf der Stirn balancieren kann, wie dann die Mädchen Verbindung zu den Jungen aufnehmen und alles eine ungeahnte Tiefe gewinnt.
Das Kepler-Gymnasium, das schon in Breisach dabei war, ist mit zwei Gruppen vertreten: Bei den "Newcomers" sind die Youngsters versammelt: Sehr zart und poetisch, auch charmant unfertig wirkt, was die 12- bis 14-Jährigen zu einer anmutigen Musik (leider verschweigt das Programmheft komplett die gewählten Titel) in wechselnden Formationen zeigen. Was möglich ist, wenn man auf einem Workshop aus dem Vorjahr aufbauen kann, führen die Kepler-"Veterans" vor: Über die Präzision der Bewegungsabläufe und die ausgeklügelte Choreographie kann einem fast der Atem stocken.
Die einzige reine Mädchengruppe kommt vom Berthold-Gymnasium — was sich in der Harmonie des tänzerischen Ausdrucks auch bemerkbar zu machen scheint. Und dann ist da noch die frische Präsentation der Staudinger Gesamtschule, die damit beginnt, dass sich die Schüler im Dunkeln ihre Namen zuwerfen, um sich nach vielen Verbindungsaktionen am Ende in einer Chorusline dem Publikum persönlich vorzustellen: Jeder bleibt, bei aller Gemeinsamkeit, er selbst.
"Dancing to Connect" : Das meint auch die Verbindung von Laien mit Profis. Aviva Geismar zeigt Ausschnitte aus der für ihre Company "Drastic Action" 2006 entstandenen Choreographie "There’s Many a Slip" : Auf ein von ihr getanztes Solo zwischen clownesker Komik und Verzweiflung, in dem sich Tanz mit der als Geste eingesetzten Stimme verbindet, folgt ein Frauentrio, das fatal an die Konstellation Mama-Papa-Kind erinnert: Zwei gegen eine, die sich nicht wehren kann. Mit "I’ll Take You There" bringen Jonathan Hollander und die Battery Dance Company New York nach Freiburg: So lässig, so entspannt, so witzig sieht man Tanz hier selten. Das vom Trickfilm inspirierte Video-Design und die Projektion von Comic-Panels tun ihr Übriges: Hier gibt es keine Berührungsängste mit der U-Kultur. Einfach hinreißend.
Bettina Schulte