Währenddessen proben der leitende Choreograph Jonathan Hollander und der Tänzer Tadej Brdnik im Kepler-Gymnasium mit den "Veteranen" . Das sind Schülerinnen und Schüler, zwischen 14 und 19 Jahren alt, die 2006 an dem Projekt "Tänze für das Blaue Haus" teilgenommen haben. Damals hatten Tänzer der New Yorker Tanzgruppen "Battery Dance Company" und "Drastic Action" , die jetzt wieder zu Gast in Freiburg sind, mit Schülern verschiedener Freiburger Schulen Choreographien für die jüdische Gedenkstätte in Breisach erarbeitet.
Das Projekt stieß auf so viel Begeisterung, dass das Carl-Schurz-Haus, das Kepler-Gymnasium, die amerikanische Botschaft, die Pädagogische Hochschule, das Theater Freiburg und diverse Sponsoren in einer gemeinsamen Anstrengung eine Fortsetzung der Arbeit, nur mit veränderter Thematik, ermöglichten. Entstanden ist "Dancing to Connect" mit Workshops für 120 Schüler in Freiburg. "Die Unterstützung, die wir von allen Seiten bekommen" , sagt Alfred Rogoll, bei dem die Fäden der Organisation zusammenlaufen, "ist überwältigend" .
Die "Veteranen" tragen zwei Klebestreifen auf der Brust. Auf dem einen steht ihr Name, auf dem anderen eine Eigenschaft. Sie sollten den Satz vervollständigen: "Wenn du mein bester Freund wärst, wüsstest du, dass ich " Ein Junge schrieb, dass er unsicher sei. "Uncertain" ist auf seinem T-Shirt zu lesen. Aus solcher Offenheit erwächst die Sicherheit, den ersten Schritt zu tun. "Wenn du tanzen willst, musst du dich öffnen" , sagt Hollander. Für die einen beginnt die Öffnung im Stehen mit geschlossenen Augen, für die anderen in der Preisgabe einer Eigenheit. Je größer das Vertrauen innerhalb der Gruppe ist, desto weniger Mut bedarf es dazu. Noam, ein Sechstklässler, sagt: "Am Anfang haben wir uns vieles nicht getraut. Aber jetzt ist nichts mehr peinlich. Wir machen’s einfach."
Die Schüler bereiten sich an fünf Schulen — Emil-Gött-Schule, Staudinger Gesamtschule, Pestalozzi-Realschule, Berthold- und Kepler-Gymnasium — auf ihre beiden Auftritte im Freiburger Theater vor. Einige Mitschüler begleiten das Ganze mit der Videokamera. Andere haben eine Homepage (Verweis in neuem Fenster öffnenhttp://www.dancingtoconnect.de eingerichtet mit Berichten, Fotos und Filmausschnitten. Das gruppenübergreifende Thema ist die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen — Tanzen, um Verbindung zu schaffen. "Das fängt an mit dem Kontakt zu mir selbst" , sagt der Englischlehrer Wolfgang Borchardt, der das Projekt maßgeblich mitverantwortet. Die gemeinsame Sprache ist Englisch. Tiefer jedoch verbindet sie die Körpersprache, das Bewegungsvokabular eines jeden, aus dem die anderen zu lesen lernen. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Aber es gibt Präzision und Klarheit, ohne die eine Bewegung sich im Ungefähren verlieren würde.
In Noams Gruppe mit den "Youngsters" , zwischen 12 und 15 Jahren alt, hat jeder eine persönliche Geschichte aufgeschrieben. Von der Geschichte blieb ein Gefühl, Traurigkeit zum Beispiel. Aus der Traurigkeit entstand eine Bewegung, eine Geste. Die galt es, den anderen mitzuteilen. Eine kleine Gruppe von fünf Schülern liegt am Boden. Zwei richten sich auf, legen einen Arm über die angewinkelten Knie und vergraben den Kopf in der Ellenbeuge. Da ist sie wieder, die Geste der Traurigkeit. Die anderen Schüler folgen in ihren Bewegungen. Ein Zyklus entsteht, in dem die selbst erfundenen Gesten und Posen der jungen Tänzer sich zu einem einzigen Bewegungsablauf zusammenfügen. Jetzt geht es darum, zu der gewählten Musik einen gemeinsamen Rhythmus zu finden und noch die kleinste Geste bewusst einzusetzen.
Die internationalen Tanzlehrer betrachten, regen an, verdeutlichen. Ihre Autorität scheint in der gemeinsamen Sache begründet. Es ist eine Mischung aus Disziplin, Gelassenheit und Humor, die sie ausstrahlen. Ein cool gestylter Junge sagt: "Weil’s Spaß macht, zeig’ ich hier gern vollen Einsatz." An der Emil-Gött-Schule wird der Workshop von Beatrix Boestel begleitet, die seit 35 Jahren an der Hauptschule unterrichtet. Am ersten Tag waren die Schüler nach drei Stunden müde. Inzwischen wollen sie jeden Tag früher kommen und länger bleiben. Eine solche Begeisterung, sagt sie, habe sie in all den Jahren noch nie erlebt.
In wenigen Tagen werden sie auf der Bühne stehen: Die Jungen und die Mädchen, die 12- und die 19-jährigen, die Hauptschüler und die Gymnasiasten, Schüler und Tänzer aus aller Herren Länder. Und keiner von ihnen wird die Bühne verlassen, ohne wenigstens einmal gespürt zu haben, wie es ist, für sich selbst geradezustehen.
Kathrin Kramer
Proben mit Aviva Geismar
FOTO: Ari Nahor