Badische Zeitung vom Freitag, 13. April 2007

"Der Tanz hat es am schwersten"
BZ-Interview mit Barbara Mundel, Intendantin in Freiburg



 

Die Haushaltsanträge der Fraktionen des Gemeinderats, die durch weitgehende Kürzungsvorschläge tiefe Einschnitte in das Kulturleben der Stadt Freiburg riskieren, haben die Szene aufgeschreckt und zur Gründung der gemeinsamen Initiative "Kultur macht reich" veranlasst. Das Freiburger Theater ist federführend dabei. Denn es ist selbst massiv betroffen: Nach dem Willen von CDU und Freien Wählern soll die Tanzsparte wegfallen. Bettina Schulte sprach mit der Intendantin Barbara Mundel.

BZ: Frau Mundel, die Fraktionen der CDU und der Freien Wähler haben bei den aktuellen Beratungen über den Doppelhaushalt 2007/2008 den Antrag gestellt, die Tanzsparte am Theater Freiburg einzusparen. Was sagen Sie z u diesen Vorschlägen?
Barbara Mundel: Freiburg braucht ein Dreispartenhaus. Abgesehen davon, dass es ein klares Bekenntnis der Stadtspitze zum Dreispartenhaus gibt, ignoriert dieser Antrag völlig, was zurzeit hier im Tanz passiert. Joachim Schloemers Ensemble pvc ("phycical virus collectiv" ) ist ein zartes, aber schon jetzt sehr erfolgreiches Pflänzchen, das es geschafft hat, die Zuschauer anzulocken — und auch solche, die überhaupt nichts mit Tanz im klassischen Sinn zu tun haben. Über Veranstaltungsformate wie die "Boot-leg Show" zum Beispiel, wo Laien berühmte Choreografien nachtanzen oder wie "Hit and Run" , wo in den eigenen Wänden des Zuschauers getanzt wird, oder auch bei den überfüllten Tangoabenden. Die betreffenden Politiker scheinen sich über diese Arbeit überhaupt nicht informiert zu haben. Dieser Antrag greift zu kurz und ist ohne Weitblick für die Kultur in dieser Stadt.

BZ: Es ist ja wohl tatsächlich so, dass die Zuschauerzahlen sich gesteigert haben.
Barbara Mundel: Erfreulicherweise, ja. Die jüngsten Zahlen im Tanz zeigen eine Auslastungssteigerung um 34 Prozent. Ich will das gar nicht über die Maßen herausstellen. Aber der Tanz hat es am Stadttheater immer am schwersten. Gerade deswegen versuchen wir, dieses neue Modell auf den Weg zu bringen, ein Experiment, das übrigens bundesweit Beachtung findet. Es ist jetzt schon erfolgreich, braucht aber sicher noch drei, vier Jahre, um substanzieller zu belegen, wie Tanz auch künftig am Stadttheater funktionieren kann. Es wäre unverantwortlich, das jetzt zu kappen.

BZ: Nun besteht ja die Kooperation mit Heidelberg. Kann der Vertrag einseitig gekündigt werden? Und wäre ein solches Vorgehen nicht rücksichtslos dem Theater Heidelberg gegenüber, das dann ja auch keine Tanzsparte mehr hätte?
Barbara Mundel: Es wäre tatsächlich schon ein Gebot der Fairness, erst einmal mit Heidelberg gemeinsam über einen derart schwerwiegenden Schritt nachzudenken. Denn es steht ja außer Frage, dass eine solche Entscheidung der Stadt Freiburg auch in Heidelberg dem Tanz den Todesstoß versetzen würde. Man sieht an diesem Beispiel ja auch, wie unehrlich solche Sparstrategien sind. Erst heißt es, man solle solch radikale, aber leider unvermeidliche Sparmaßnahmen bitte zum Anlass für kreative Lösungen auf niedrigerem Niveau nehmen. Und dieses Kooperationsmodell mit Heidelberg war doch zunächst nichts anderes als eine Sparmaßnahme! Also haben alle Beteiligten auftragsgemäß viel Zeit und große Mühen in den Versuch investiert, das Beste daraus zu machen, und sind auf gutem Weg zu beweisen, dass das erfolgreich sein kann. In einem solchen Moment kann man doch nicht kommen und sagen, jetzt machen wir das ganz zu, dann sparen wir noch einmal 250 000 Euro.

BZ: Man könnte ja auch fragen, ob mit 250 000 Euro der Haushalt der Stadt Freiburg saniert werden kann. Auch im Rahmen Ihres Theateretats ist das ja eine kleinere Summe.
Barbara Mundel: Das würde ich nicht sagen. Für uns ist das schon viel Geld, aber im Verhältnis zu dem, was mit diesem Geld gemacht wird, ist es wenig. Doch es finanziert immerhin eine ganze Sparte, und deshalb steht künstlerisch sehr viel auf dem Spiel. Die weit über das Sparziel von zehn Prozent hinausgehenden Anträge der Fraktionen sollen, so scheint es mir, ein ebenso reales wie symbolisches Bauernopfer erzeugen: Denn dass damit der Haushalt saniert werden könnte, ist völlig illusorisch, und das weiß, glaube ich, auch jeder. Oder — aber das kann ich mir in Freiburg eigentlich immer noch nicht vorstellen — es gibt auf Seiten der Politik ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Kultur, das dazu führt, dass man diesen Bereich schrittweise zermürben und in die Knie zwingen will. Politisch sinnvoll scheint es mir nicht zu sein.

BZ: Sie sind angetreten, ein Dreispartenhaus zu führen. Sie wollen es auch weiter tun?
Barbara Mundel:Ich möchte dieses Haus so weiterführen, wie es in meinem Vertrag steht. Ich gedenke, mich an Verträge zu halten.

BZ: Die freie Szene in Freiburg empfängt im Augenblick besonders vom Tanz her neue Impulse. Sie versuchen andererseits, in die freie Szene hineinzuwirken. Wäre die Auflösung der Tanzsparte nicht ein verheerendes Signal? Zumal das renommierte Tanzfestival auch um ein Drittel gekürzt wurde.
Barbara Mundel:Die Kürzungen beim Tanzfestival sind ein Desaster. Wir wollten sehr gern mit dem Festival zusammenarbeiten, weil wir die Qualitäten und Möglichkeiten von pvc von Anfang an in der Vernetzung und Verbindung zur freien Szene gesehen haben. Und es gibt hier bereits sehr viele fruchtbare Kontakte. Wenn Freiburg sich als Kulturstadt versteht, ist eine vitale und lebendige freie Szene von elementarer Wichtigkeit. Durch diese Sparmaßnahmen wird jedoch die ohnehin schon ziemlich ausgetrocknete freie Szene in Freiburg — im Tanz wie im Theater — weiter erodieren.

BZ: Zeigt nicht gerade das Projekt "Dancing to connect" , das im kommenden Sommer vier Freiburger Schulen mit Tänzern aus New York zusammenbringt, dass der Tanz besonders für junge Menschen eine attraktive Ausdrucksform ist?
Barbara Mundel:Ich finde dieses Projekt fabelhaft, und wir unterstützen es mit unseren Tänzern von pvc und indem wir das Große Haus des Theaters als Veranstaltungsort zur Verfügung stellen. Wir haben in dieser Spielzeit schon ein großes Tanz-projekt mit Freiburger Schülern und unserem Orchester auf der Großen Bühne veranstaltet. Ein weiteres Tanzprojekt mit Jugendlichen planen wir für die nächste Spielzeit. Die Gemeinderäte, die die Tanzsparte abschaffen wollen, haben sicher nicht ausreichend bedacht, was Tanz gerade im Bereich kultureller Bildung bedeuten kann und wie innovativ pvc auf diesem Gebiet ist.

BZ: In den kulturellen Leitlinien, die die Stadt Freiburg im Januar verabschiedet hat, wird als ein vorrangiges Ziel die interkulturelle Bildung veranschlagt. Ist nicht der Tanz aufgrund der universellen Sprache des Körpers prädestiniert, den interkulturellen Dialog voranzutreiben?
Barbara Mundel:Ja, das ist so. Das Projekt "Dancing to connect" ist auch dafür ein schönes Beispiel. Es fördert Verständigung jenseits der Sprachlichkeit, jenseits des codierten kulturellen Backgrounds. Gerade Jugendlichen bietet der Tanz ungeheure Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Freiburg hat mit pvc ein überregional beachtetes Vorzeigeprojekt, das das in den Leitlinien formulierte Ziel kultureller Bildung bewusst und erfolgreich praktiziert. Darauf sollten die Politiker dieser Stadt stolz sein und ihm alle Unterstützung angedeihen lassen, damit es noch besser zum Blühen kommt.