BZ: Jonathan Hollander, was fasziniert Sie an der Arbeit mit deutschen Jugendlichen?
Hollander: Manche Leute denken ja, Tanz wäre etwas Frivoles. Aber er ist wirksamer als jedes Gespräch der Welt.
BZ: Warum?
Hollander: Wir haben es gesehen, als wir hier mit der Arbeit angefangen haben. Wir haben die Jugendlichen gefragt, was wichtig ist für sie. Sie haben schon am ersten Tag viel Persönliches von sich preisgegeben. Tanz ist primitiv.
BZ: Primitiv?
Hollander: Menschen haben getanzt, bevor sie Zeichen auf Wände malten. Als meine Tochter eineinhalb Jahre alt war, hat sie tanzend Sachen erfunden: unglaublich. Diese Impulse unterdrücken wir, wenn wir älter werden. Die Pubertät ist die Zeit der größten Befangenheit. In unseren Workshops versuchen wir, das aufzubrechen. Man erreicht so eine Ebene von Gemeinsamkeit, die mit Sprechen nicht möglich wäre. Man muss sich einen physischen Raum schaffen und mit anderen in Beziehung treten.
BZ: Warum findet diese Interaktion gerade in Freiburg statt? Sie hätten doch sicher auch in New York Möglichkeiten.
Hollander: Die Organisatoren von "Dancing to connect" , Wolfgang Borchard und Alfred Rogoll, haben das Feld hier so bereitet, wie es besser nicht sein könnte. Eva Manske vom Carl-Schurz-Haus unterstützt das Projekt ebenso wie die Theaterintendantin Barbara Mundel, die ihr Haus für zwei Tage zur Verfügung stellt. In dieser kleinen Stadt ist Teamwork möglich, wie es in New York kaum vorstellbar ist. Leute kommen zusammen und begeistern sich für eine Idee, die nichts mit Geldverdienen und Prestige zu tun hat.
BZ: Ist das der Grund, warum Sie zurückgekommen sind?
Hollander: Es gibt Menschen, die einen fragen: Warum arbeitest du nicht in Berlin oder einer anderen großen Stadt? Freiburg kam zu uns. Am Anfang stand Freundschaft. Das ist ebenfalls eine sehr einfache Angelegenheit. Und man ahnt in Freiburg, dass in der herkömmlichen Schulbildung vielleicht etwas fehlt: die Gelegenheit, mit Bewegung kreativ zu sein, einen authentischen Ausdruck seiner selbst zu finden.
Rogoll: Deshalb begleitet die Pädagogische Hochschule das Projekt wissenschaftlich. Und es ist ein schöner Zufall, dass in der PH exakt zu dieser Zeit über "Tanz in der Schule" nachgedacht wird. Man sucht im Augenblick nach neuen Unterrichtsinhalten. In den angelsächsischen Ländern gehören Tanz und Theater längst zum normalen Unterrichtsprogramm. Wir sind da, wie es scheint, in einen Trend geraten. Hinzu kommt, dass auf diese Weise die englische Sprache ganz anders vermittelt werden kann: sinnlich und praktisch konkret.
BZ: Herr Hollander, haben Sie Erfahrungen mit ähnlichen Projekten in New York?
Hollander: Wir arbeiten dort gezielt an einzelnen Schulen. Eine Koordination zwischen fünf Schulen aber wie hier in Freiburg ist einmalig. Ideen kann man viele haben. Aber es ist eine andere Sache, die Arbeit auf sich zu nehmen, sie umzusetzen. Wenn man von einem Projekt träumt, weiß man nicht, wie das Ergebnis sein wird. Das hat mich bei den Tänzen für das Blaue Haus schon beeindruckt. Es war eine Offenbarung.
BZ: Das ist ein starkes Wort.
Hollander: Es ist so einfach, junge Leute zu unterschätzen. Es ist ein großer Fehler.
BZ: Das Leitmotiv "Dancing to Connect" ist eine Freiburger Idee. Was heißt es für Sie?
Hollander: Es gibt für mich eine Makro- und eine Mikroebene. Professionelle Tänzer verbinden sich mit Amateuren, Lehrer mit Schülern, Schüler und Schulen untereinander. Und du verbindest dich mit dir selbst.
Jonathan Hollander
FOTO: KUNZ