Badische Zeitung vom Mittwoch, 3. September 2008

Bewegende Aufnahmen
"Es ist eine kleine Sensation"


BZ-Interview: Ruben Frankenstein über jüdische Buchkunst, die am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur in Ihringen gezeigt wird

 


Daniel Bing mit Kopien aus den Haggadot
Kunstvoll und reich illustriert entstanden sie Mitte des 18. Jahrhunderts in Ihringen/Kaiserstuhl: drei jüdische Erzählungen aus der Bibel, so genannte Haggadot. Beim Europäischen Tag der Jüdischen Kultur am Sonntag widmet der Förderverein ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach in Ihringen dieser Form der Buchkunst einen Vortrag. Ruben Frankenstein, Lehrbeauftragter für hebräische Sprache und Literatur am Orientseminar der Universität Freiburg, wird Besucher über die Ihringer Haggadot informieren. Hanna Hauck sprach mit dem Wissenschaftler.

 


 

BZ: Herr Frankenstein, Sie sind Experte für hebräische Sprache und Literatur. Können Sie uns erklären, was eine Haggada ist?

Ruben Frankenstein: Das Wort Haggada bedeutet Erzählung. Die Pessach-Haggada ist dreierlei: ein Bericht vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypten; eine Sammlung von Bibelstellen, Auslegungen, Legenden und Gesängen zu diesem Thema; und ein Lobgesang auf Gott, der diese wundervolle Erlösung aus der Sklaverei in die Freiheit vollbracht hat. Diese Erzählung wird am Vorabend des Pessachfestes, dem Sederabend, bei einem feierlichen Abendmahl im Kreis der Familie vorgetragen.

BZ: Wie feiert man dieses religiöse Fest?

Frankenstein: Das Pessachfest dauert acht Tage. Zuvor muss das ganze Haus geputzt und gereinigt werden. Das heißt, man muss alle Überreste von gesäuerten Lebensmitteln entfernen. Die Zeremonie leitet das Familienoberhaupt. An diesem Abend und an allen restliche Tagen des Festes isst man ein ungesäuertes, dünnes Armutsbrot — das heißt "Matzá" — und benutzt anderes Geschirr.

BZ: In Ihringen wurden drei Haggadot geschaffen. Was ist das Besondere an ihnen?

Frankenstein: Die Bücher wurden von Abraham Levi handgeschrieben. Er war ein künstlerisch begabter Schreiber. Das Besondere an den Büchern sind die Illustrationen, die Levi nach dem Vorbild anderer Haggadot, wie zum Beispiel der aus Venedig, angefertigt hat. Aber er hat seine eigenen Varianten erstellt. Es sind nur noch diese drei, die in den Jahren 1732, 1740 und 1756 hergestellt wurden, erhalten. Es ist ein großes Glück und eine kleine Sensation, dass nun Kopien in Ihringen zu sehen sind. Die Originale liegen in Jerusalem, Paris und London. Außerdem sind die Ihringer Haggadot in drei verschiedenen Sprachen geschrieben: In Hebräisch, der heiligen Sprache, Aramäisch, der Lingua franca des Orients, und zusätzliche Erklärungen sind auf Judendeutsch, also West-Jiddisch — die jedoch alle das hebräische Alphabet verwenden. Viele Juden waren schon so assimiliert, dass ihnen die hebräische Sprache nicht mehr geläufig war. Und so enthalten die Haggadot von Ihringen in ganz kleiner Schrift Erklärungen auf Jiddisch.

BZ: Was sieht man auf den Bildern dieser Bücher?

Frankenstein: Sie enthalten viele Darstellungen von biblischen Szenen, wie etwa von der Sklaverei in Ägypten, von den zehn Plagen, vom Auszug in die Freiheit und von allerlei Personen — von Abraham und Jakob, über Moses und Aaron bis zu den Königen David und Salomo. Aber auch Illustrationen von vielen Handlungen, die man am Pessachfest ausführen muss. Außerdem sieht man ein Tier, das selten in jüdischen Illustrationen auftaucht: ein Einhorn. Das ist ein Symbol der Pracht und Größe.

BZ: Ist das eine typische Besonderheit dieser biblischen Erzählungen?

Frankenstein: Ja und Nein. Die meisten Haggadot, die heute gedruckt werden, sind weniger reich bebildert. Es gab nämlich ursprünglich ein Bilderverbot. Das wurde mal streng und mal weniger streng befolgt. In Europa wurden die Haggadot ab dem 13. Jahrhundert immer mehr illuminiert und illustriert. Es gibt einige Beispiele für Versuche, dem Bilderverbot zu entgehen. Die Vogelkopfhaggada ist so eines. Die zeigt Menschen, die keine richtigen Köpfe haben, sondern Vogelhäupter. Aber im alten Testament oder einer Synagoge wird man selten Bilder finden. Und doch ist eine der ältesten Synagogen überhaupt — die in Dura Europos in Syrien — mit herrlichen Bildern, auch von Menschen, verziert.

BZ: Was erwartet das Publikum in Ihringen?

Frankenstein: Günter Boll wird von der Entstehung der jüdischen Gemeinde in Ihringen erzählen, ich werde die Illustrationen der drei Haggadot zeigen und dabei den Ablauf der Zeremonie des Sederabends erklären. Außerdem wird ein Nachkomme Abraham Levis, Daniel Bing, auch dabei sein. Er ist Professor für die Geschichte des Orients in den USA und hat alle Bilder und Fotokopien der Ihringer Haggadot besorgt. Das ist eine einmalige Gelegenheit diese Kunstwerke zu bewundern.

Zur vorhergehenden Seite Zum Beginn der Seite