Eine Idee wurde geboren, wuchs und wurde Wirklichkeit. Die Idee brachte Tänzer aus New York mit Menschen aus Breisach und Schülern aus Freiburg zusammen. "Tänze für das Blaue Haus" war der Name der Idee. Das heute so genannte Blaue Haus diente den Breisacher Juden als Gemeindezentrum, nachdem ihre Synagoge in der Reichspogromnacht zerstört worden war. Im Sommer 1940 wurden die fünfzig Juden, die noch in Breisach lebten, deportiert. Die Idee bestand darin, sich auf andere, nonverbale Weise der Geschichte dieser schrecklichen Ausgrenzung zu nähern — und junge Menschen in diesen Prozess einzubeziehen.
Das überwältigende Ereignis, das im August 2006 stattfand, ist jetzt in einer Bild- und Textdokumentation noch einmal nachzuvollziehen. Der in Breisach lebende Fotograf Ari Nahor und seine Frau Friedel Scheer-Nahor haben das Projekt von Beginn an engagiert begleitet. Es bestand aus zwei Teilen. Die Tänzerin und Choreographin Aviva Geismar, deren Großeltern zu den deportierten und ermordeten Breisacher Juden gehören, setzte sich mit vier Tänzerinnen ihrer Company Drastic Action unter dem sprechenden Titel "Näher als es scheint" mit dem Ort in seiner Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart auseinander. Zwischen dem Platz der Synagoge und dem von einer Initiative um die Psychologin Christiane Wallesch-Schneller renovierten und als Museum eingerichteten Blauen Haus spannte sie auf der ehemaligen Judengasse ein Band aus Bewegung. Die es gesehen haben, werden nicht vergessen, wie die vier jungen Frauen schließlich kopfunter aus den Fenstern des Hauses hingen, die Grenze zwischen innen und außen, Dazugehören und Ausgestoßensein auf diese Weise anschaulich machten.
Dem Choreographen Jonathan Hollander und seiner Company Battery Dance blieb es überlassen, in Workshops am Kepler- und am Theodor-Heuss-Gymnasium, an der Lessing-Real- und -Förderschule Jugendliche zum eigenen Umgang mit dem Tiefpunkt der deutschen Geschichte zu animieren. Die Fotos von den Proben und von der Aufführung, die wegen des schlechten Wetters vom Breisacher Freilichttheater in der Burgruine in die nüchterne Mehrzweckhalle verlegt werden musste, dokumentieren eindrücklich, wie intensiv diese Arbeit gewesen sein muss. Und rufen die starken und bewegenden Eindrücke in Erinnerung, die die Performance der Schüler hinterließ.
Am Ende war es so, dass alle Beteiligten — über verschiedene Breisacher Institutionen hinaus besonders das Carl-Schurz-Haus in Freiburg und die amerikanische Botschaft in Frankfurt — von den "Tänzen für das Blaue Haus" überwältigt waren. Selbst Jonathan Hollander, ein Jugendfreund von Christiane Wallesch-Schneller, die das Ganze über diesen Kontakt ins Rollen gebracht hatte, konnte sich an Vergleichbares in seiner langen Karriere als Künstler nicht erinnern.
Dass in dem vom Freiburger Modo-Verlag grafisch anspruchsvoll und ästhetisch ansprechend gestalteten Band die Bilder den Vorrang vor den Texten genießen, versteht sich von selbst. Sie sprechen für sich. Ergänzt werden die (zweisprachigen) Textbeiträge durch die Impressionen der New Yorker Journalistin Toby Axelrod, einen Beitrag des israelischen Psychologen Dan Bar-On und Statements der Mitwirkenden. Der Freiburger Dokumentarfilmer Bodo Kaiser hat über das Projekt einen Film gemacht, der am 26. Februar im Kommunalen Kino gezeigt wird. Bettina Schulte
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