Badische Zeitung vom Samstag, 11. Dezember 2004

Das Gedächtnis bewahren
SÜDWEST, 21.45 UHR: "Fahr mal hin" - Synagogen in Südbaden



Die Reise in der Reihe "Fahr mal hin" des Südwest-Fernsehens führt heute auch in die Vergangenheit. Das kann nicht anders sein, denn in Winfried Lachauers sorgsamem Feature geht es um die Spuren jüdischen Lebens in Südbaden. Dass sie in den letzten Jahren gesichert worden sind, ist in Kippenheim, Emmendingen, Sulzburg und Breisach stets privater Initiative zu verdanken. Was wiederum direkt in die Gegenwart führt. Denn dies vor allem will die Dokumentation zeigen: Es gibt Menschen, die unter hohem Einsatz auch finanzieller Mittel daran arbeiten, das Gedächtnis der Region zu bewahren. Ein Beispiel ist das Blaue Haus in Breisach. Hier beginnt der Film - mit den Diaprojektionen des Fotografen Arie Kornweitz, der für einen geradezu magischen Augenblick den 1940 nach Gurs deportierten Breisacher Juden ihr Gesicht zurückgegeben hat, indem er Fotos der Bewohner an die Wände der Häuser in der Judengasse warf.

Möglich gemacht hat diese Aktion die von Christiane Walesch-Schneller gegründete Initiative zur Rettung des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses. Wenn man mit dem Autor des Films das Gebäude betritt, fällt der Blick zuerst auf 250 Namen an der Wand. So viel wie möglich über diese aus ihrer Stadt vertriebenen Menschen zusammenzutragen, hat sich der Förderverein zur Aufgabe gemacht. Erinnerungsarbeit eigener Art leistet Günter Boll, dem der Film auf den von ihm entdeckten "Judengarten" von Mackenheim folgt - einen der ältesten Friedhöfe des Elsass. Die von getragener Musik und Landschaftsbildern begleitete Fahrt findet ihr nächstes Ziel in Sulzburg, dessen 1822 erbaute Synagoge mit dem schönen Sternengewölbe 1938 (warum?) nicht zerstört wurde - im Gegensatz zum jüdischen Gebetshaus von Emmendingen, dessen Platz bis heute ausgespart ist. Interessant zu erfahren: In Emmendingen existiert heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde mit 300 Mitgliedern - dank Einwanderern aus Russland. So gibt es neben den nur dezent angedeuteten Schrecken der nicht vergangenen Vergangenheit auch ein Stück Normalität zu entdecken, das Hoffnung macht. In Kippenheim hat man die ehemalige Synagoge aus ihrem Dasein als Lagerschuppen befreit. Man sollte mal hinfahren.

Bettina Schulte

Zur vorhergehenden Seite Zum Beginn der Seite