Badische Zeitung vom Freitag, 7. Septmeber 2007

Polizei stoppt "Kameradschaft"

Ermittler hatten rechtsradikale Gruppe schon länger im Visier

Von unserem Redakteur Martin Wendel

NÖRDLICHER KAISERSTUHL. Sie nannten sich "Kameradschaft Bahlingen" und Springerstiefel, schwarze Kleidung sowie entsprechender Haarschnitt gehörten zum Erscheinungsbild — passend zum üblichen Auftritt in der rechtsradikalen Szene. Die Polizei hatte die Gruppe bereits seit geraumer Zeit im Auge und setzte dem Aufbau der "Kameradschaft" im Zuge der Ermittlungen wegen der Schändung des jüdischen Friedhofs in Ihringen fürs Erste ein Ende.

Zwei der vier Täter von Ihringen gehörten nach Auskunft der Kriminalpolizei Emmendingen der Bahlinger Gruppe an, darunter auch der 28-Jährige, den die Ermittler als Haupttäter der Friedhofsschändung einstufen.

Aus ihrer Gesinnung machten die Mitglieder der offenbar neunköpfigen Gruppe keinen Hehl, bestätigt Kriminalhauptkommissar Roland Vetter, bei der Polizeidirektion Emmendingen zuständig in Sachen Staatsschutz, entsprechende Informationen der Badischen Zeitung. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Kameradschaft Bahlingen" und dem Reichsadler. Ende Juli pöbelten mehrere Mitglieder am Rande eines Fußballspiels in Bahlingen herum. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Staatsschutz die rechtsradikale Gruppe längst im Visier, doch einen ausreichenden Anlass, um gegen die Mitglieder vorzugehen, bot die Gruppe den Ermittlern zunächst nicht.

Das änderte sich nach der Friedhofsschändung in Ihringen. Die Flucht der vier Täter führte in ein Spargelfeld bei Bötzingen, das dort zurückgelassene Auto wiederum auf die Spur des 28-Jährigen und im weiteren Verlauf auch zu den drei Mittätern. Bei Hausdurchsuchungen stieß die Polizei nicht nur auf eine Waffe, sondern auch auf umfassende Informationen über die Aktivitäten und Kontakte der jungen Männer, berichtet Vetter. Sie stammen aus der ganzen Umgebung, arbeiteten wohl seit März am Aufbau der "Kameradschaft" und in jüngster Zeit offenbar an den Vorbereitungen für ein größeres Treffen von Rechtsradikalen am Kaiserstuhl. Geplant war offenbar ein großes Grillfest. Verbindungen unterhielt die Gruppe laut Vetter unter anderem zu Gesinnungsgenossen am Bodensee und in der Ortenau.

Derartige Feste seien letztlich vor allem eine Art "Koma-Saufen" . Die Kombination von rechtsradikalem Gedankengut und Alkohol sei meist der Nährboden für Taten wie die vom 11. August in Ihringen. Diese sei nach bisherigen Erkenntnissen wohl keine geplante Aktion, sondern eine klassische Spontantat gewesen und deshalb letztlich nicht zu verhindern gewesen. Angesichts der Kenntnisse über die rechtsradikale Szene in der Region wäre man dem Quartett aber wohl auch ohne den Unfall auf die Spur gekommen, ist Vetter überzeugt.

Das Internet ist das wichtigste Kommunikationsmedium der rechtsradikalen Szene, betont Vetter. Hier gibt es im Vorfeld von Treffen entsprechende Hinweise; genaue Informationen über den exakten Treffpunkt folgen in der Regel erst eine Stunde vorher per SMS — um es etwaigen staatlichen Beobachtern möglichst schwer zu machen.

Trotz der jüngsten Ereignisse sei der Landkreis Emmendingen keineswegs von einer besonders starken rechtsradikalen Szene geprägt, betont Roland Vetter. Einschließlich der Bahlinger Gruppe müsse man wohl von rund 15 Personen ausgehen; jetzt sei die Szene vorerst einmal ausgedünnt. In der Vergangenheit hätten sich rechtsradikale Aktivitäten vor allem auf das Elztal konzentriert, weil dort eine gewisse Führungsperson der Neonazi-Szene gewohnt habe. Seit dessen Wegzug sei es im östlichen Kreisgebiet ruhig geworden um die Szene. Doch Wegzug bedeutet nicht, dass die Ermittler die Akteure aus den Augen verlieren. Der Mann sei nach wie vor aktiv — und unter Beobachtung des Staatsschutzes, versichert Vetter. Auch die Ermittler in Emmendingen werden über seine Aktivitäten regelmäßig auf dem Laufenden gehalten.

"Die betroffenen Eltern fielen aus allen Wolken" , schildert Vetter die Reaktionen der Familien auf die Ermittlungen. Erfreut sei er darüber, dass mehrere Eltern die Arbeit der Polizei unterstützen. Ein Vater habe kurzerhand die für die Szene typische Kleidung seines Sohnes entsorgt und den Filius neu eingekleidet, ein anderer wolle dafür sorgen, dass sein Sohn beim Wiederaufbau in Ihringen persönlich mithelfe — auf Kosten seines Jahresurlaubs.

Dass ein junger Mensch in die rechtsradikale Szene abdrifte, dafür gebe es oft schon sichtbare Indizien. "Klassische" Anzeichen seien etwa Kleidung oder entsprechende Frisur. Wer entsprechende Veränderungen an seinem Kind fest stelle, dem stehe die Polizei gerne für entsprechende Beratung und Unterstützung zur Seite, betont Vetter: "Wir hatten schon oft mit Eltern Kontakt, ohne dass es ihre Kinder mitbekamen." Wichtig sei vor allem, dass das Umfeld eines gefährdeten jungen Menschen nicht zu lange untätig zusehe.