Breisach
20. März 2001

Der bekannte Holocaustforscher Raul Hilberg hielt in Breisach einen interessanten Vortrag zum Thema „Erinnerung“

Details können sehr bedeutend sein

BREISACH. Einmal im Jahr trifft sich die Alemannia Judaica, die Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, zu einer Tagung. In diesem Jahr hat man sich für die Tagung Breisach ausgesucht, nicht zuletzt deshalb, weil sich an diesem Ort ein besonders rühriger Verein für den Erhalt des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses einsetzt und es zu einem Ort des Erinnerns und der Begegnung umgestalten will.

Im Namen der Stadt begrüßte Bürgermeister Alfred Vonarb die Tagungsteilnehmer und wünschte der Veranstaltung einen erfolgreichen Verlauf. Um Erinnerung, und zwar um die Integration des Wissens um die Judenvernichtung in die Gedenk- und Erinnerungsarbeit, ging es in einem zum Programm gehörenden Vortrag des bedeutenden Holocaustforschers Raul Hilberg, der zuletzt an der Universität von Vermont in Burlington (USA) gelehrt hat.

Hilberg begann seinen Vortrag mit einer so einfachen wie brisanten Feststellung: Sich erinnern kann ja eigentlich nur der Mensch, der das, was Gegenstand der Erinnerung ist, selbst erlebt hat. Ein untauglicher Begriff also. Ist da „verstehen“, ein, wie Hilberg meint, deutsches Lieblingswort, besser'? Auch da gibt es Grenzen, die bei der Komplexität des ganzen Sachverhalts zwangsläufig sind. Hilberg plädiert dafür, akribisch die Bruchteile der Geschichte zu sammeln und zusammenzufügen – bis eine Gestalt sichtbar wird. Dabei komme es gerade auf die scheinbar unwichtigen Details an.

Wie verlief der Alltag der Menschen'? Was haben sie gegessen, wie gearbeitet und wie sind sie miteinander umgegangen'? In der Bewertung dieses Forschungsergebnisses ist jedoch Vorsicht angebracht. Es handele sich hierbei nämlich nicht um das Geschehene, sondern nur um dessen Abbild. Dennoch ist für Hilberg das Zusammenbringen der Einzelheiten das Wichtigste, eine Aufgabe, die nur regional, an den Orten, an denen Juden wohnten und vertrieben wurden, zu bewerkstelligen ist. Dass diese Arbeit heute vielerorts in Deutschland geleistet wird, stellte Hilberg als verdienstvoll heraus und sieht auch dies schon selbst als Geschichte an.

Natürlich ist eine Voraussetzung für diese Arbeit der nun schon lange anhaltende Frieden und der Wohlstand in den westlichen Ländern, was den Menschen erst ermöglicht, sich diesen Fragen zuzuwenden. Als „Konsument“ jedenfalls begrüßt Raul Hilberg die Einrichtung solcher Gedenkstätten, wie in Breisach geplant, in der Dinge zu finden sind, die nirgendwo anders zu finden sind.

In der anschließenden Diskussion wurde eine Reihe von weiteren Aspekten angesprochen, die manchen Zuhörer erstaunt aufhorchen ließen. Zu der Rolle von Zeitzeugen äußerte sich Hilberg nämlich in einer Weise, die den großen Forschungsgegenstand auch von einer anderen Seite beleuchtet wissen will. Während Zeitzeugen tendenziell die Geschichte als den Opfern gehörend sehen, sieht Hilberg dies kritisch: Alle Aspekte müssten betrachtet werden und ein Gesamtbild müsse geschaffen werden. Für die wissenschaftliche Arbeit habe sich so in der Vergangenheit eine oft spannungsgeladene Auseinandersetzung mit den Zeitzeugen ergeben, die das Streben nach Objektivität behinderte.

Auch die heute noch vorzufindende rigorose Weigerung mancher Gemeinden, sich mit der ganz eigenen Vergangenheitauseinander zu setzen, kam zur Sprache, eine Tatsache, die auch von Raul Hilberg letztlich nicht erklärt werden konnte, der er nur den ebenso unerklärlichen Umgang mit dem Thema in großen Städten, wie Amsterdam oder Wien, an die Seite stellen konnte.

Die von Hilberg propagierte Detailforschung findet unter Historikern offensichtlich nicht immer Zustimmung, wie ein Museumsleiter aus Hohenems berichtete. Dort sehe man sich nämlich dem Vorwurf der Verharmlosung von Geschichte ausgesetzt, eine Meinung, die bei den Zuhörern auf wenig Verständnis traf.

Für die Zukunft stellte Raul Hilberg die Zusammenarbeit in den akademischen Fächern in der Holocaustforschung als wünschenswert heraus. Nicht nur für Geographen oder Ärzte, die sich bislang in diese Forschung wenig eingebracht hätten, gäbe es beispielsweise eine Menge zu tun. Dies fand auch den zustimmenden Applaus der Tagungsteilnehmer.

Friedel Scheer

Zur vorhergehenden Seite