Badische Zeitung vom Donnerstag, 23. Oktoaber 2003

Ende einer Ehrenzeit
In Auschwitz war Josef Schillinger am Holocaust beteiligt, in seiner Heimat Oberrimsingen hatte er lange Zeit ein Ehrengrab

Von unserer Mitarbeiterin Sylvia Pabst

Auschwitz
Foto: AFP
Andreas Meckel erinnert sich noch gut an den Gesprächsabend im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus in Breisach Anfang des Jahres. "Als ich den Namen Josef Schillinger hörte, bin ich richtig hochgegangen", sagt er. Beiläufig nur fiel der Name, so beiläufig wie der Hinweis, dass Schillinger in Oberrimsingen begraben liegt. Auf einem Ehrenfeld. Die Nachricht hat den Hobbyhistoriker elektrisiert. "Selbst wer sich nur ein wenig mit den furchtbaren Geschehnissen in Auschwitz beschäftigt, kommt an diesem Namen nicht vorbei. SS-Unterscharführer Schillinger ist in Auschwitz einer der von den Häftlingen am meisten gefürchteten und gehassten Massenmörder gewesen."
Oberrimsingen, rund 1500 Einwohner, am Fuß des Tunibergs unweit des Kaiserstuhls gelegen. Obwohl 1975 nach Breisach eingemeindet, hat es seinen dörflichen Charakter bewahrt, der Weinbau ist eine wichtige Einnahmequelle der Menschen, im Schloss wird Kunst ausgestellt und Kleinkunst dargeboten. Die Kirche ist mitten im Dorf, der Friedhof mit seiner Kapelle dagegen liegt etwas außerhalb unweit der Bundesstraße. Ein normales Dorf mit Restaurants, die Löwen und Hirschen heißen, mit dem üblichen Vereinsleben zwischen Fußballplatz und Kirchenchor. Doch auch hinter dieser Normalität finden sich bei genauerem Hinsehen wie überall sonst Spuren jener "Banalität des Bösen", wie Hannah Arendt es einmal genannt hat. Und auch wenn es heute keine Schuld mehr gebe, so gebe es doch eine Verantwortung, sagt Andreas Meckel, einer, der das Erinnern zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Erst kürzlich setzte er sich in Freiburg erfolgreich für einen Gedenkstein zu Ehren der Revolutionäre von 1848 ein.

Noch wichtiger aber ist ihm als Thema der Holocaust. "Einer meiner besten Freunde war Auschwitz-Überlebender", erzählt der Hobby-Historiker. Fünfmal ist er nach Auschwitz gereist, hat gelesen, was er über das Vernichtungslager im heutigen Polen zu lesen fand, hat selbst recherchiert. Der Name Schillinger war ihm dabei immer wieder begegnet. Aber dass der berüchtigte Lageraufseher in Oberrimsingen begraben ist, wusste auch er bis Anfang dieses Jahres nicht.

Zu den Geschichten, die Meckel recherchiert hat, gehört jene, die sich heute vor 60 Jahren, am 23. Oktober 1943 ereignete. An jenem Morgen trifft ein Transport aus dem Lager Bergen-Belsen mit 1800 Juden ein, bestimmt für die Gaskammern von Auschwitz. Bei ihrer Ankunft ahnen die Häftlinge nichts von ihrem Schicksal, viele glauben, sie seien im Lager Bergau bei Dresden angekommen. Ein Lager, das es gar nicht gibt, sondern das nur als Alibi dient. Die Frauen werden von den Männern getrennt und unter der Leitung von Schillinger zum Krematorium II gebracht. Dort wird den Ahnungslosen eine angeblich notwendige Desinfektion angekündigt, deshalb müssten sich alle entkleiden. Eine junge Tänzerin jüdischer Herkunft durchschaut die Täuschung. Sie befindet sich in einem Entkleideraum. Meckel schildert, was dann passierte: "Plötzlich wirft sie Schillinger ihre Kleider ins Gesicht, entreißt ihm die Pistole und schießt dreimal auf ihn." Die anderen Frauen kommen ihr zu Hilfe, stürzen sich auf Schillinger und einen zweiten SS-Unterscharführer. Der verzweifelte Akt des Widerstands hat keine Chance. "Maschinengewehre werden in Stellung gebracht und viele der Frauen niedergeschossen, die übrigen Frauen in der Gaskammer ermordet." Schillinger stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Bei einer Vergeltungsaktion von SS-Wachposten werden weitere 13 Menschen ermordet, unzählige verletzt.

Wenige Tage später wird der Auschwitz-Aufseher in seiner Heimatgemeinde mit einem großen militärischen Zeremoniell beigesetzt. Franz Ott zählt zu denen in Oberrimsingen, die sich heute noch an das Begräbnis des damals 35-Jährigen erinnern können und wollen. "Ich war 13 Jahre alt, ein Bub. Ich war beeindruckt von den Feuersalven beim Begräbnis und hatte auch noch nie so viele Soldaten auf dem Friedhof gesehen." Keinem im Dorf ist die Beisetzung entgangen, aber es wird nicht gern darüber geredet. Und auch nicht darüber, was man über seine Tätigkeit bei der SS wusste. Er habe Schillinger flüchtig gekannt, sagt Ott, wenngleich nur vom Sehen. "Er hat den Anschein erweckt, ein ruhiger, netter Mensch zu sein."

Als Meckel von der Ruhestätte Schillingers auf dem Ehrenfeld in Oberrimsingen erfährt, setzt er sich ein Ziel: "Das kann nicht sein, der Grabstein muss weg." Er unterrichtet den Breisacher Bürgermeister Alfred Vonarb, legt ihm vor, was er über Schillinger weiß und zusammengetragen hat. Als Rapportführer hat der SS-Unterscharführer die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in die Gaskammern getrieben. Er sei ein Aufseher der übelsten Sorte gewesen, der zahlreiche Gefangene verprügelt habe.

Keine Stätte der Erinnerung an den Täter

Der Bürgermeister ist entsetzt - und holt sich vom Verwaltungs- und Sozialausschuss der Stadt die Genehmigung ein, den Namen auf dem Grabstein zu entfernen. Doch das reicht Meckel nicht. "Es kann nicht sein, dass Millionen ermordeter Menschen keinen eigenen Grabstein haben, einer der Mörder aber schon." Weder Opfer noch Täter des Dritten Reichs dürften vergessen werden. "Aber ich will hier keine Stätte der Erinnerung an den Täter haben", sagt Meckel.

Mittlerweile hat die Stadt Breisach den Grabstein entfernen lassen. "Wir wussten nicht, das Schillinger diesen Hintergrund hat", so Vonarb. Auch Stadtarchivar Uwe Fahrer betont: "Selbst mir war das nicht bekannt." Solche Nachrichten drangen offenbar nicht aus dem neun Kilometer entfernten Oberrimsingen bis ins Breisacher Rathaus vor.

"Bis 1944 galt Schillinger als normaler Soldat, wir haben nicht gewusst, was er wirklich getan hat", sagt Zeitzeuge Ott. Das habe sich zumindest für ihn erst 1945 geändert. Damals wurde er zufällig Zeuge einer denkwürdigen Begebenheit an der Haustür der Nachbarin. Eine Sinti-Frau habe dort um ein Stück Brot gebettelt und dann unter Hinweis auf Schillinger und sein Tun in Auschwitz hinzugefügt: "Wenn ich nicht gleich ein Stück Brot bekomme, wird das Dorf heimgesucht." Er sei nach Hause gerannt, habe seinen Eltern von der merkwürdigen Drohung berichtet. "Doch es gab nie ein echtes öffentliches Gespräch im Ort", sagt er. Noch nicht einmal über die Erpressung an der Haustür.

Dass man sich mit der NS-Zeit auch offen auseinander setzen kann, beweist das in Oberrimsingen ansässige Christophorus-Jugendwerk, ein Heim für männliche Jugendliche. Seit zehn Jahren gibt es dort das Projekt "Für die Zukunft lernen". Der Verein hat sich den Erhalt der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau zum Ziel gesetzt.

 


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