OBERWIEHRE. An der Tafel im Klassenzimmer der Emil-Thoma-Realschule klebt eine Miniversion des Schilds, das im Original auf dem Platz der alten Synagoge steht: "Gurs 1027 km." Die Erinnerung an das Lager, in das die badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 deportiert wurden, war am Mittwoch, dem Jahrestag der Deportation, besonders aktuell. Um an die Opfer zu gedenken, berichtete der Holocaust-Überlebende Ludwig Geismar über seine Familie.
Seine Mutter hat zwar Recht behalten: "Sie meinte, das nationalsozialistische Regime könne höchstens zehn bis zwölf Jahre an der Macht bleiben", erzählt Ludwig Geismar. Und fährt fort: "Aber was in dieser Zeit passieren, was ihr und ihrer Familie zustoßen würde - das ahnte sie nicht." Um darüber zu berichten ist der 82-Jährige aus New Jersey, wo er lebt, nach Deutschland gekommen. Organisiert wurde seine Reise unter anderem vom "Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach," der mit ihm in Kontakt kam, weil seine Eltern ursprünglich aus Breisach stammten.
"Sie haben zweifellos Glück", wendet sich Ludwig Geismar an die Schülerinnen und Schüler von zwei zehnten Klassen. "Glück, dass es Ihnen erspart geblieben ist, nicht zwei oder drei Generationen früher gelebt zu haben." Umso wichtiger ist es, dass die "Nachgeborenen" Zeitzeugen wenigstens persönlich erleben können, findet Nikita Karavaev, Freiburger Jugendrat. Weil er dieses Thema im Jugendrat voranbringen will, ist er extra an die Emil-Thoma-Realschule gekommen, die Ludwig Geismar eingeladen hatte. Am Abend sprach der 82-Jährige ein zweites Mal in Freiburg - diesmal da, wo die Deportierten im Oktober 1940 festgehalten wurden: in der Hansjakobschule im Stühlinger.
Ludwig Geismar selbst hat das Lager in Gurs nie kennen lernen müssen. Als seine Eltern, Verwandten und Freunde deportiert wurden, waren er und seine Schwester Hedy bereits in Sicherheit. Vom Schicksal ihrer Angehörigen, die in Auschwitz ermordet wurden, erfuhren die beiden erst Jahrzehnte später - lang nachdem sie die Familie, die damals in Mannheim lebte, verlassen hatten: Hedy Geismar kam als 14-Jährige mit einem Kindertransport nach England, ihr Bruder gelangte mit Hilfe einer Bürgschaft von Verwandten als 18-Jähriger in die USA. Damals war ihm längst klar, dass es für Juden im damaligen Deutschland keine Zukunft gab. Anders als seine Eltern, die sich als Deutsche fühlten, wünschte er sich einen jüdischen Staat - und engagierte sich in einer linken zionistischen Jugendorganisation.
"So hatten wir wenigstens ein Ziel", sagt Ludwig Geismar, "trotz der Lebensgefahr, mit der wir leben mussten." Wie ernst die war, wurde ihm nicht nur am Tag nach der Pogromnacht, in der die Synagogen gebrannt hatten, klar. Da fuhr er mit seinem Rad durch die Straßen - und sah, wie jüdische Männer gefangen genommen wurden und Jugendliche in braunen Uniformen Bücher verbrannten. Bereits vorher war sein älterer Bruder Siegbert in Dachau zu Tode geprügelt worden. Seine Flucht-Erfahrungen haben Ludwig Geismar auch in seiner neuen Heimat in den USA geprägt: Als Professor für Sozialarbeit engagierte er sich besonders für bessere Lebensbedingungen für Immigranten.
anb