Badische Zeitung vom
Mittwoch, 18. Februar 2004
Im Gespräch über die Geschichte Die Lessing-Realschule hatte gestern zum sechsten Mal einen Überlebenden der ehemaligen jüdischen Klassen zu Besuch
Von unseren Mitarbeiterin Anja Bochtler
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Fast nur Einsen und Zweien stehen in seinem Abschlusszeugnis des Schuljahrs 1937/38, mit dem alles begann. Denn damals vor drei Jahren, als die Geschichtslehrerin Rositha Dienst-Demuth mit ihren Schülern zu forschen anfing, war Ralph Eisemann der erste, der auf den Brief aus Freiburg reagierte. Der erste von 52 ehemaligen Schülern der jüdischen Klassen, die zwischen 1936 und 1940 an der Lessing-Realschule eingerichtet waren, die das Geschichtsprojekt bisher ausfindig machte. Und der sechste, der nun an die Schule zurückkehrte, zu deren Besuch er damals gezwungen worden war. Ausgesondert vom "normalen Leben". Makaber klingen die "besten Wünsche", mit denen die Schule den damals 15-Jährigen in eine Welt entließ, in der ihm das Überleben nur mit viel Glück gelingen konnte.

Austausch: Ralph Eisemann und die Schülerinnen Tatjana Eckenberger (16), Sarah Holton (15) und Christiane Schule
Jetzt steht er vor der Ausstellungstafel, die in der Klasse 9b der Lessing-Realschule aufgestellt ist. Zeigt auf das Bild der heutigen Begegnungsstätte in Breisach, dem Haus, in dem er als Kind mit seiner Familie
gelebt hat. Zeigt das Fenster, das zum Schlafzimmer seiner Eltern gehörte, das mit einem riesigen Stein zerstört wurde. Anfang 1938 war das, nie werde er den Moment vergessen. "Von da an hatte ich Angst", sagt der schmale Mann, der mittlerweile 80 Jahre alt ist. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater Michael Eisemann, dem letzten Kantor in Breisach, der sich damals noch weigerte, "die paar Banditen" ernst zu nehmen. Schon ein Jahr später wurde er in den Selbstmord getrieben, nachdem er ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden war. Kam Ralph Eisemann nun gern zurück? Beim ersten Mal sei der Besuch sehr schwer für ihn gewesen, antwortet er Marco De Nardo (15) auf seine Frage. Aber das war vor fast 40 Jahren, 1965. Nur ganz kurz kam er da nach Freiburg, besuchte das Grab seines Vaters. War ebenso kurz in Breisach, wo er damals noch viele Leute kannte. Die Kraft, mit ihnen zu sprechen, ihnen in die Augen zu schauen, die hatte er nicht: "Die Wunde war noch viel zu frisch." Als er dann 1998 nach Breisach eingeladen wurde, war er erst unentschieden, beriet sich mit seiner Frau und den Kindern. Als er schließlich mit Breisacher Schülern sprach, kam er zu dem Schluss: "Die Jugendlichen von heute sind nicht verantwortlich für ihre Eltern und Großeltern." Dass sie sich dafür interessieren, was ihre Großeltern gemacht haben, das erwartet er aber. Genau danach fragt er die Schüler, die ihm gegenüber sitzen. Und nickt zustimmend, als Jannek Mann (15) sagt, dass man nicht verstehen kann, was passiert ist. Dass er seinen Großvater nicht versteht, der Soldat war und damit zufrieden, dass es nicht-jüdischen Deutschen damals doch "gut gegangen" sei. Ralph Eisemann, der 1941 mit einem illegalen Kindertransport nach Palästina kam und von dort in die USA weiter reiste, hat in New Jersey eine neue Heimat gefunden. Er hat als Großhandelskaufmann gearbeitet, war erfolgreich. Seine Fassungslosigkeit über das, was er erlebte, aber ist geblieben. Er dankt den Schülern der Lessing-Realschule, die ihre Nachforschungen fort setzen und eine Gedenktafel und ein Mahnmal planen.
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