Badische Zeitung vom Donnerstag, 12. Mai 2005

Flüchtling, US-Soldat, Diplomat
ZU GAST IN FREIBURG: Ex-Freiburger Gerald Schwab



Von unserer Mitarbeiterin Anja Bochtler

Gerald Schwab
Erst Freiburg,
dann US-Soldat.
FOTO: Sasse
Der 8. Mai 1945 war für ihn kein außergewöhnlicher Tag. Gerald Schwab war am Gardasee und dort war der Krieg am 4. Mai zu Ende. Was hat er gemacht an jenem 8. Mai? "Nur geschlafen", sagt der Mann, der heute 80 Jahre alt ist und damals amerikanischer Soldat war. Kein gewöhnlicher - darum war er am Dienstag zu einem Gespräch mit dem Historiker Wolfram Wette im Carl-Schurz-Haus eingeladen, das unter anderem von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" organisiert wurde.

Denn als sich Gerald Schwab im Mai 1944 als Freiwilliger bei der amerikanischen Armee gemeldet hatte, war er formal noch kein Amerikaner. Geboren wurde er 1925 in Freiburg, als Sohn einer Familie, die ursprünglich aus Breisach stammte. Bis er acht Jahre alt war, lebte Gerald Schwab mit seinen Eltern und seiner Schwester Margot in der Rehlingstraße. Das Geschäft der Eltern für Bleche und Metalle war im Grün. Doch die Schwabs waren Juden - und schätzten ihre Lage früh richtig ein. Am 1. April 1933 flohen sie in die Schweiz, später lebten die Familienmitglieder - zeitweise getrennt voneinander - in Frankreich, der Schweiz und Lörrach. Erst im Mai 1940 bekamen sie ihr Visum für die USA, um das sich die Eltern jahrelang bemüht hatten. Damals lebte Gerald Schwab in der Schweiz, war eines von 300 jüdischen Kindern, die dort nach der Pogromnacht 1938 aufgenommen wurden. Sein Vater wurde im November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Zwar kam er nach sechs Wochen zurück, doch: "Er war nicht mehr derselbe."

Der 15-jährige Gerald Schwab trauerte seiner einstigen Heimat in den USA nicht hinterher. "Ich habe Deutschland schnell hinter mir gelassen." Als er vier Jahre später amerikanischer Soldat wurde, wusste er genug über Nazi-Deutschland. Er erfuhr noch viel mehr, wurde Übersetzer in einer Kommission, die sich mit den Verbrechen von NS-Organisationen wie der NSDAP oder SS befasste und bereitete die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse mit vor. Da kam immer wieder die Frage: "Warum sprechen Sie so gut Deutsch?" Standartenführer Helmut Knochen, der unter anderem für die Deportation badischer Juden von Gurs Richtung Osten verantwortlich gewesen war, stellte sie auch. Nachdem er die Antwort gehört hatte, fragte er nichts mehr. Gerald Schwab studierte später internationale Beziehungen, lebte als amerikanischer Diplomat mit seiner Frau und den beiden Töchtern in mehreren Ländern. Seit 15 Jahren arbeitet er ehrenamtlich im Holocaust Memorial Museum in Washington. Und was er dort erlebt, wenn Gäste ihre Schicksale schildern, sei manchmal "sehr schwer".

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