Badische Zeitung vom Samstag, 20. Okober 2007

"Ich bin Zeitzeuge, nicht Richter"
Mit Max Mannheimer in March und Kurt Maier in Eichstetten sprachen zwei Überlebende des Holocaust mit Bürgern



Von Irina Strohecker und Mario Schöneberg

 

MARCH/EICHSTETTEN. Noch gibt es sie, die Zeitzeugen, die am eigenen Leib die Verfolgung als Juden im "Dritten Reich" und während des Zweiten Weltkriegs erlebt haben. Der Zufall wollte es, dass zwei dieser Überlebenden des Holocausts jetzt zur gleichen Zeit am Mittwochabend, nur ein paar Kilometer auseinander, in Buchheim und Eichstetten, auf je eigenen Veranstaltungen Zeugnis von den damaligen Schrecken ablegten. Beide Abende fassen wir hier in einem Bericht zusammen.

"Ich werde irgendwann von der Bühne des Lebens treten, ohne jemanden ermordet zu haben" , sagt Max Mannheimer. Und er fügt hinzu: "Diese Schuld muss unerträglich sein." Der heute 87-Jährige weiß, wovon der spricht, denn er hat selbst mitbekommen, wie Menschen umgebracht wurden: Er ist Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz. Bei den Marcher Kulturtagen hat er jetzt in einer Veranstaltung der Ökumenischen Erwachsenenbildung und der Kirchengemeinden im Bürgerhaus Buchheim über seine Erlebnisse gesprochen. Die vielen Zuschauer waren sprachlos, gerührt und begeistert zugleich von Mannheimers Persönlichkeit.

Max Mannheimer hat all seine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben: "Spätes Tagebuch" , erschienen im Pendo Verlag in München. Daraus las er im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses vor. Und er ergänzte die Lesung mit vielen Erinnerungen an eine grausame Zeit.

Max Mannheimer wurde 1920 in Neutitschein in Nordmähren im heutigen Tschechien geboren. Der jüdische Buchautor und Maler kam 1943 in das Konzentrationslager Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz-Birkenau. Schließlich kam er über Warschau in das bayrische Konzentrationslager Dachau, wo er 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Aber bereits 1946 kehrte er nach Deutschland zurück.

Heute lebt Mannheimer in der Nähe von Dachau und ist Vorsitzender der Lagergemeinschaft der ehemaligen Dachauer Inhaftierten. "Wenn man im Ausland das Wort Dachau hört, denkt keiner an den berühmten Maler Adolf Hölzel, der lange in Dachau lebte und die Dachauer Malschule mitbegründete, sondern alle an Adolf Hitler" , sagt Mannheimer. Für ihn selbst war Dachau die letzte Station eines Leidenswegs, den er überlebt hat. Seine damalige Frau aber, seine Eltern, seine Brüder Erich und Jakob und seine Schwester Käthe kamen alle im Holocaust um. "Alle starben in Birkenau" , erklärt Mannheimer. Nur sein Bruder Edgar und er überlebten. Als ältester Sohn der Familie spürte er die Pflicht, seine jüngeren Geschwister zu unterstützen. Das machte ihn stark, er entwickelte einen unglaublichen Willen zu überleben.

Von über 1000 Menschen, mit denen er damals in einem Massentransport in das Vernichtungslager deportiert wurde, überlebten nur 100. "Uns wurde nach Ankunft erst der Kopf geschoren, die Körperhaare abrasiert, dann wurden wir eiskalt abgeduscht" , berichtet er. "Wir mussten unsere Pässe abgeben und bekamen eine Nummer tätowiert, an der man uns fortan erkannte" , so Mannheimer. Er magerte auf 60 Kilo ab und überlebte trotz schlimmer Lager-Krankheiten. "Das Gebet und der Glaube haben mir sehr geholfen" , sagt er. In seinem Buch kann der Leser alles deutlich vor sich sehen. Noch mehr: Er identifiziert sich mit Mannheimer, ist mitten drin, lebt mit, fühlt mit und ist schwer betroffen von den Abgründen der Menschheit.

Max Mannheimer ist bekannt geworden durch seine Vorträge an Schulen. Seit 1986 spricht er regelmäßig mit Jugendlichen. "Ich komme als Zeitzeuge, nicht als Richter oder Ankläger" , sagt er, der selbst zwei Kinder hat. Seine Erlebnisse hat er in dem Buch ursprünglich vor allem für seine Tochter festgehalten. "Denn wir haben nie darüber gesprochen" , so Mannheimer. Seine Tochter konnte es lange nicht lesen. Der Sohn las es zuerst.

Eine Neuauflage seines zurzeit vergriffenen Buches "Spätes Tagebuch — Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau" ist geplant. Die Besucher seiner Marcher Lesung konnten bereits ein von ihm handsigniertes Exemplar am Veranstaltungsabend vorbestellen.

Groß war das Interesse der Eichstetter an der Geschichte von Dr. Kurt Maier, der in der Aula der Adolf-Gänshirt-Schule von seinem Leben als jüdisches Kind in Deutschland, seiner Verschleppung ins Lager nach Gurs und der glücklichen Flucht seiner Familie in die USA berichtete. Mit 30 Besuchern hatten die Veranstalter, die evangelische Kirchengemeinde, der Heimat- und Geschichtsverein sowie die Gemeinde Eichstetten gerechnet. Doch dann kamen 65 Personen, um den Erzählungen von Kurt Maier zu lauschen. Der 77-Jährige, der heute in Washington lebt und arbeitet, nutzt seit einigen Jahren seinen Urlaub, um in Deutschland auf seine Geschichte aufmerksam zu machen. Morgens spricht er dann in Schulen, abends oft in Kirchengemeinden.

Geboren wurde Maier im badischen Kippenheim, die Großeltern waren Vieh- oder Tuchhändler, damals typisch für Juden in den ländlichen Gemeinden der Region. Eine Großmutter Maiers war eine geborene Weil aus Eichstetten. Seine Eltern betrieben einen kleinen Tuch- und Kolonialwarenladen in Kippenheim. Im Ersten Weltkrieg hatte sein Vater für Deutschland gekämpft, sein Onkel war dabei sogar gefallen. Doch schon damals sei das Gerücht herumgegangen, die Juden würden sich vor dem Krieg drücken. Eine Zählung, die das Gegenteil bewies, sei nie veröffentlicht worden, schildert Maier. Auch das Argument der Nazis, die 1933 an die Macht kamen, dass Deutschland "verjudet" sei, greift Maier auf. Nur gut eine halbe Million Juden habe es 1933 im 60 Millionen Einwohner zählenden Deutschland gegeben. Dann zeigt der rüstige Senior Bilder aus den 1920er Jahren: Seine Eltern, Großeltern und Anverwandten als ganz normale Mitbürger in Kippenheim, sei es bei Familienfeiern, Festen oder anderen Anlässen. Jüdische Kinder seien in die evangelische Schule gegangen und hätten mit ihren nichtjüdischen Altersgenossen gespielt. Die richtig schlimmen Anfeindungen seien dann Mitte der 1930er Jahre los gegangen, erzählt Maier, der noch immer berufstätig ist und in der Washingtoner Kongressbibliothek arbeitet. Kinder bekamen in der Schule beigebracht, dass Juden dreckig und hinterhältig seien, das entsprechende Lehrbuch hieß "Der Giftpilz" . Gerne wäre seine Familie, wie viele andere auch, ausgewandert, erzählt Maier. Doch viele Grenzen waren mittlerweile dicht, mögliche Aufnahmeländer hatten strenge Quotenregelungen und in Deutschland gab es eine aufwendige Bürokratie.

Schlimmer wurde es für die Familie mit der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938. In Kippenheim wurde die Synagoge verwüstet, bei Maiers flogen Steine durchs Fenster. Mit seiner Mutter kauerte er unter einer umgedrehten Zinkwanne, bis der Spuk vorbei war. Später durften jüdische Kinder nicht mehr auf deutsche Schulen, Maiers Eltern mussten ihr Geschäft schließen. Wie es ihnen dennoch gelang, die Familie durchzubringen, weiß der damals Achtjährige nicht mehr genau.

Stärker sind aber die Erinnerungen an den 22. Oktober 1940. Hals über Kopf musste die Familie ihre Heimat verlassen und wurde per Bahn von Offenburg aus nach Gurs deportiert. Drei Tage dauerte die Fahrt ins Ungewisse. Dann kamen die Menschen, unter ihnen viele Alte, Kranke und Kinder, in einem verschlammten Auffanglager an. Viele von ihnen starben dort. Nicht weil sie erschossen wurden, meint Maier, sondern an Hunger und Krankheiten. Immerhin lag Gurs im unbesetzten Frankreich. Dennoch wurden viele Insassen später in andere Konzentrationslager verbracht und tauchten nie wieder auf. Seine Familie hatte Glück und bekam mit Hilfe eines in Frankreich lebenden Verwandten ein Visum für die USA. 20 Stempel habe jeder Flüchtling gebraucht, um dann auch tatsächlich aufs Schiff zu dürfen, erinnert sich Maier. Viele seien noch am Pier abgewiesen worden und mussten in ihrer Verzweiflung zurück ins Lager.

Der Neubeginn in den USA sei nicht leicht gewesen, betont der Senior, der Kippenheim noch immer seine Heimat nennt. Er habe sich bis heute nicht an das amerikanische Leben gewöhnt. Damals seien die Amerikaner, deren Land sich in einer wirtschaftlichen Krise befand, misstrauisch gewesen, auch den jüdischen Flüchtlingen, in ihren Augen aber Deutschen, gegenüber. 1952 kehrte Maier erstmals nach Kippenheim zurück, er war als Soldat in Deutschland. Er habe die Nachbarn besucht, die seiner Familie in den schweren Zeiten geholfen hatten. Andere seien ihm damals eher aus dem Weg gegangen. Heute pflegt er viele Kontakte in die Ortenau, verbringt seine Ferien hier. Und möchte daran erinnern, was damals mit ganz normalen Nachbarn geschehen ist.

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