Badische Zeitung vom Mittwoch, 29. Oktober 2003

Tragisches Schicksal einer Familie
Ludwig Geismar erzählte im Blauen Haus und vor Schülern von seiner Jugendzeit in Breisach

Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

BREISACH. Alles fing an mit einem Familienfoto, das 1924 anlässlich der goldenen Hochzeit von Leonie und Alexander Geismar gemacht wurde. Noch vor dem eigentlichen Bild traf in Breisach im Zuge der Spurensammlung der ehemaligen jüdischen Gemeinde ein Schriftstück mit der Benennung der Personen ein, die auf dem Foto zu sehen sind. Dann irgendwann konnte dazu auch das Bild ausfindig gemacht werden. Und schließlich stattete jetzt Ludwig Geismar, einer der Enkel des Hochzeitspaars, auf dem Bild als kleiner Junge im Matrosenanzug zu sehen, dem Blauen Haus in Breisach einen Besuch ab.

Tafel

Begleitet wurde der heute 82-Jährige, in New Brunswick/USA lebende Geismar von seiner Frau Shirley und seinem Schwager Melvin L. Tobias. Mit zu ihrem Besuchsprogramm gehörten auch Gespräche mit Schülern im Schongauer-Gymnasium Breisach und in der Hebelschule in Freiburg. Vor einem kleinen, aber interessierten Publikum erzählte der Gast vom tragischen Schicksal seiner Familie. Die aus Breisach stammenden Eltern, Heinrich und Lina Geismar, hatten sich in Mannheim niedergelassen und mit ihren drei Kindern bis zum Jahr 1933 ein glückliches Leben geführt.

Doch dann änderte sich alles. Zunächst registrierte das Kind Ludwig nur, dass Juden mehr und mehr vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden und tröstete sich durch schöne Erlebnisse bei der "Zionistischen Jugendbewegung". Doch die Zeiten wurden härter. Nach acht Jahren musste Ludwig Geismar die Schule verlassen und Geld verdienen, wie der sieben Jahre ältere Bruder Siegbert auch. Dieser wurde dann vorübergehend nach Spanien zu Verwandten geschickt, kehrte aber, als dort der Bürgerkrieg ausbrach, zurück, mit dem Vorsatz, nach Amerika auszuwandern.

Das wurde ihm zum Verhängnis. Sofort wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau gebracht. Wenige Zeit später wurde der Familie mitgeteilt, er habe Selbstmord begangen. Auch der Tag nach der "Reichskristallnacht" ist Ludwig Geismar noch gut in Erinnerung. Da die Familie weder Radio noch Telefon besaß, ging er tags darauf nichts ahnend zur Arbeit. Dort wurde ihm zu verstehen gegeben, dass es besser für ihn sei, zu gehen und auch nicht zu Hause zu sein. Den ganzen Tag fuhr er so mit seinem Fahrrad umher und passierte dabei auch das elterliche Haus, wo er beobachten konnte, wie brennende Bücher aus dem so genannten Herrenzimmer flogen. Als er nach Hause kam, war der Vater verhaftet und nach Dachau gebracht worden.

Anfang 1939 gelang es Ludwig Geismar, ein Visum für die USA zu erlangen. Seine Schwester Hedy, mit 14 Jahren gerade noch zu den Geduldeten gehörend, konnte nach England mit einem Kindertransport emigrieren. Den Eltern gelang die Flucht nicht mehr. Sie wurden über Gurs schließlich nach Auschwitz gebracht. "Es dauerte mehr als 35 Jahre, bis wir eine Bestätigung für ihren Tod bekamen", so Ludwig Geismar. In der anschließenden Diskussion beantwortete Geismar bereitwillig Fragen, ebenso wie Melvin Tobias, der mit der Schwester Hedy verheiratet war, die vor einem Jahr starb. Die Geschichte, resümierte Tobias, habe traurig angefangen und glücklich geendet. Seine Frau Hedy habe nach schlimmen Erlebnissen schließlich wieder eine Familie und eine Heimat bekommen. Und Shirley Geismar gab zu bedenken, dass ihr Mann doch noch seine Chance des Lebens erhalten habe.

Für seine Verdienste als Soldat dankte ihm der amerikanische Staat mit der Finanzierung einer Ausbildung. Er wurde schließlich sogar Professor für Soziologie.

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