
Seit seiner Renovierung und festlichen Eröffnung vor genau einem Jahr hat sich das ehemalige jüdische Gemeindehaus in Breisach, das "Blaue Haus", zu einem Zentrum der Begegnung und Versöhnung entwickelt. Am Sonntag begann nun eine über fünf Tage angelegte, von Vorträgen und Ausflügen begleitete Konferenz über eine der weit verzweigten Gründerfamilien der jüdischen Gemeinde von Breisach: Im 17. und 18. Jahrhundert war Breisach trotz seiner Festungsanlagen eine weltoffene, multikulturelle Handels- und Garnisonsstadt zwischen der deutschen und der romanischen Welt, zwischen Elsass und Baden. Die jüdischen Familien, allen voran die Geismars, Günzburgers, Breisachers, Wormsers, Blochs, Blozheimers, Uffenheimers und Auerbachs waren als Handelsleute wohl angesehen und bekleideten zuweilen wichtige städtische Ämter. Sie gehörten zur zweitgrößten jüdischen Gemeinde in Baden (nach Mannheim) und unterschieden sich nach Status und Wohlstand deutlich von den "Landjuden" der Umgebung.
Die meisten Nachkommen der jüdischen Familien, die sich nach 1933 in Sicherheit bringen konnten, leben heute in den USA, in Israel und in Frankreich. Etwa 50 von ihnen waren gekommen, aus sechs Ländern, um die Ergebnisse ihrer eigenen genealogischen Forschungen auszutauschen und ein Netzwerk persönlicher Bekanntschaften aufzubauen. Die junge Konstanzer Historikerin Eva Wiebel erläuterte in einem für die städtische Kulturarbeit wegweisenden Vortrag die Integration von Immigranten in Breisach zwischen 1660 und 1760. Fremde Sprache und Kultur stellten kein Integrationshindernis dar. Selbst bei den in Gerichtsakten belegten Konflikten zwischen Altbürgern und Zuwanderern gab es kaum fremdenfeindliche Vorurteile, auch keine antijüdischen.
Nicht allein der furchtbare Bannblick auf den Holocaust
Der Sonnenkönig, bis zum Jahr 1700 Herr über die Festungsstadt unter dem Stephansmünster, begünstigte sogar jüdische Zuwanderer und schloss Protestanten aus. Die Garnison benötigte ein reges Handelsbürgertum zur Versorgung der Soldaten. Ihre Zahl entsprach zeitweise derjenigen der Zivilbevölkerung. Wiebel betonte das hohe Maß an Integrationsfähigkeit der frühneuzeitlichen Stadt, auch die selbstverständliche Zweisprachigkeit in zahlreichen Familien.
So löste sich im Betrachten einer früheren Epoche der furchtbare, alles andere ausschließende Bannblick auf den Holocaust. Die tiefer lotende Stadtgeschichte trug zu einer Begegnung unter versöhnlichen und vielleicht zukunftsweisenden Maßstäben bei. Dies geschah ohne jede Relativierung des grauenvollen Leidens, der Verschleppung und der Ermordung elsässischer, badischer und besonders Breisacher Juden. Wohl alle der Tagungsteilnehmer hatten Ermordete in ihrer näheren Verwandtschaft zu beklagen [...] Arno Cahn aus New York erzählte in seinem von eindrucksvollen Bildern und Dokumenten begleiteten Vortrag von seiner ersten Begegnung mit der Stadt Köln nach dem Krieg: "Ich hatte den Eindruck in meinem eigenen Grab zu laufen."
Die Breisacher Tagung, überschattet von dem aktuellen Konflikt um ein im Pflaster der Münsterberg-Zufahrt wohl konserviertes Hakenkreuz, stellt eine bemerkenswerte Leistung des Fördervereins unter seiner Vorsitzenden Christiane Walesch-Schneller dar. Doch immer noch fehlt es an angemessener Anerkennung und Dotierung des Blauen Hauses durch Gemeinderat und Bürgermeister. Die Realschule und das Gymnasium zeigen sich offener und interessierter als große Teile der konservativen Bürgerschaft.
Peter Winterling
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