Badische Zeitung vom Donnerstag, 29. März 2012

Bilder aus Atomograd - Tschernobyl-Ausstellung im Blauen Haus
Tschernobyl, die Stadt in der Ukraine, in der vor über einem Vierteljahrhundert die bis dahin schwerste Katastrophe in einem AKW den Menschen einen Abgrund vor Augen hielt, ist das Thema einer Ausstellung im Blauen Haus in Breisach.

Von unserem Mitarbeiter Kai Kricheldorff

BREISACH. Eröffnet wurde sie von Walter Moßmann, dem Freiburger Liedermacher und Urgestein der südbadischen Anti-AKW-Bewegung.


Die Liedermacher Walter Moßmann (rechts) und Roland „Buki“ Burkhart
kamen zur Ausstellungseröffnung isn Blaue Haus. Foto: Kai Kricheldorff

Seit Jahren pflegt er enge Verbindungen zur Ukraine und ist auch Kurator der Ausstellung. Sie befasst sich mit der Geschichte des Dorfes und dem einstigen jüdischen "Shtetl" Tschernobyl und zeigt dessen Wandel in die zu Sowjetzeiten erbaute Reißbrettstadt Prypiat. Diese wurde Atomograd genannt, eine Plattenbaustadt für knapp 50 000 Menschen, in der in den 1970er Jahren die Bauarbeiter und später die Beschäftigten des Kernkraftwerks Tschernobyl angesiedelt wurden.

Nach nur 16 Jahren beendete die Katastrophe von Tschernobyl am 27. April 1986 die Existenz von Prypiat. Viel zu spät wurden ihre Bewohner evakuiert, die meisten waren verstrahlt.

Nur wenige von ihnen sind heute noch am Leben, sie leiden an den Folgen der damals ausströmender Radioaktivität. Die Ausstellung, sie wurde bereits in Freiburg und an anderen Orten gezeigt, zeichnet die wechselvolle Geschichte von Tschernobyl nach und beleuchtet die enthusiastische, alle Risiken und tödlichen Gefahren verdrängende Propaganda für die Nutzung der Atomkraft in der damaligen Sowjetunion.

Plakate, Fotos, Filmbeiträge sind zu sehen. Nach Tschernobyl und Fukushima und angesichts des nicht weit entfernten Kernkraftwerks Fessenheim lassen sie die Betrachter im Blauen Haus erschauern. Moßmann verglich die Geschichte Tschernobyls mit einem gekrümmten Kreis. Bäuerliche Armut in abgelegener Landschaft, über Jahrhunderte eine Ansiedlung von aus Mitteleuropa eingewanderten Juden und zuletzt – "in der Illusionsperiode der UDSSR", wie Moßmann es nannte – eine Atomfabrik, die am Schluss ein katastrophales Ende fand.

Geblieben sind eine Geisterstadt und rings herum eine Landschaft, in der für die nächsten Jahrhunderte kein menschliches Leben mehr möglich sein wird.

Zur Eröffnung der Ausstellung hatte Moßmann den Liedermacher Roland "Buki" Burkhart mitgebracht. Er erinnerte mit einem Lied an den zeitweise auch in Breisach lebenden elsässischen Theologen Josef Schmidlin (1876 -1944), der im Zweiten Weltkrieg von den Nazis in Sicherungsverwahrung genommen worden war. Eine nachdenkliche, auch wachrüttelnde Ausstellung, die das Grauen der Katastrophe von Tschernobyl in eine Beziehung zur Oberrhein-Idylle setzt.

Die Ausstellung "Tschernobyl25 – Das Dorf, das Shtetl und Atomograd" ist bis Ende April mittwochs, sonnabends und sonntags von 14 bis 17 Uhr (am Osterwochenende geschlossen) im Blauen Haus Breisach, Rheintorstraße 3, zu sehen.

Weitere Informationen gibt es im Internet auf http://www.chernobyl25.org

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