Badische Zeitung vom Donnerstag, 29. Januar 2004

Mutig die Vergangenheit meistern
Award für Walesch-Schneller

Aus Berlin berichtet unsere Mitarbeiterin Veronika Burget

BREISACH/BERLIN. Christiane Walesch-Schneller, die Vorsitzende des Vereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach, wurde am Dienstagabend im Berliner Abgeordnetenhaus mit dem "Obermayer German Jewish History Award" ausgezeichnet. Neben vier weiteren Preisträgern wurde Walesch-Schneller für ihr ehrenamtliches Engagement gewürdigt, das ehemalige jüdische Gemeindehaus vor dem Abriss bewahrt zu haben.

Heute ist das "Blaue Haus" ein Ort der Forschung und der Kultur sowie eine Anlaufstelle für deutsche und ausländische Juden, die Wurzeln in Breisach haben oder an dem Projekt interessiert sind. Der Preis, den Walesch-Schneller erhielt, ist mit 1000 Euro dotiert.

Die Übergabe fand im Berliner Abgeordnetenhaus am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus statt. Mit den "Obermayer German Jewish History Awards" werden seit wenigen Jahren deutsche Bürgerinnen und Bürger geehrt, die auf freiwilliger Basis jüdische Geschichte und Kultur ihrer Gemeinde bewahren und somit einen kleinen Teil der Welt "reparieren", die zwischen 1933 und 1945 zerstört wurde.

Die Zeremonie wurde vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses, dem früheren Berliner Bürgermeister Walter Momper, eröffnet. Er verwies in seiner Rede auf den historischen Wert des Ortes und des Tages und dankte den Preisträgern für ihr Engagement, sich für Toleranz und Menschlichkeit einzusetzen.

Arthur Obermayer, Präsident der amerikanischen Obermayer Foundation, erzählte in seiner Ansprache, dass seine Vorfahren aus Deutschland stammen und einige seiner Verwandten das Land aufgrund ihres jüdischen Glaubens in den 30er-Jahren verlassen mussten. Er war immer neugierig auf die Wurzeln seiner Familie und reiste daher häufig nach Deutschland. Bei seinen Besuchen traf er viele Deutsche, die sich in ihren Gemeinden darum bemühten, jüdisches Leben wiederherzustellen. Diese Erfahrung veranlasste den amerikanischen Geschäftsmann, die Obermayer Foundation zu gründen. Er will mit der Preisverleihung ein Zeichen setzen und das Ansehen der Deutschen im Ausland verbessern. Nicht Neo-Faschisten und Anschläge auf Ausländerheime sollen das Bild über Deutschland dominieren, sondern die Fähigkeit ganz normaler Deutscher, sich der Vergangenheit zu stellen und Wissen in die Gesellschaft zu tragen.

 

Geschichte als Herausforderung

Die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, würdigte in ihrer Rede die Arbeit der Preisträger. Sie betonte, dass diese sich zwar mit Geschichte beschäftigen, aber ihre Arbeit großen Gegenwartsbezug habe. "Im ,Blauen Haus' in Breisach treffen sich wieder Menschen und plötzlich kehrt auch das Interesse für die zerstörte jüdische Gemeinde der Stadt zurück", so Knobloch. "Es ist somit erstmals wieder erlebbar, dass es jüdisches Leben gab, und welche nicht zu füllende Lücke der Holocaust hinterlassen hat." Für die Vizepräsidentin stellt die Arbeit der Preisträger den mutigen Versuch dar, Geschichte nicht zur Belastung werden zu lassen, sondern sie als Herausforderung zu begreifen und sie so zu meistern.

Julius H. Schoeps, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, zeichnete in seiner Festrede den immer noch schwierigen Weg zu einer deutsch-jüdischen Normalität nach. "Doch wird die Zeit kommen, in der sich Deutsche und Juden auf gleicher Augenhöhe wieder gegenüber stehen werden", erklärte er. Dafür brauche es Geduld und Mut, wie ihn die Preisträger beweisen würden.

Nach der Überreichung der Auszeichnung durch Momper und Obermayer betonte Walesch-Schneller in ihrer Dankesrede, dass ihre Arbeit in Breisach nur ein Lesezeichen in einem großen Buch sei. Anfänglich habe sie den Preis gar nicht annehmen wollen. Die Arbeit sei schon Ehre genug. Nichtsdestotrotz ermutige sie die Auszeichnung zur kontinuierlichen Weiterarbeit im "Blauen Haus". Wissenschaftliche Konferenzen zu Familiengeschichten, Exkursionen und die Einladung von Referenten aus Frankreich und Amerika seien geplant.

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