Badische Zeitung vom Mittwoch, 28. Mai 2008

Drei Schätze jüdischer Buchkunst
Der Historiker Dan Bing fand heraus, dass sein Vorfahre Abraham Levi im 18. Jahrhundert in Ihringen drei Haggadoth geschrieben hat



Von unserem Mitarbeiter Frank Kreutner

BREISACH/IHRINGEN. Erstaunliche Neuigkeiten konnte der amerikanische Historiker Professor Dan Bing verkünden, als er auf Einladung des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach über die Erkenntnisse berichtete, die er im Verlauf seiner Familienforschung gewonnen hat. Bei der Suche nach seinen Wurzeln stieß Bing auf seinen im 18. Jahrhundert in Ihringen lebenden Vorfahren Abraham Levi, der als Schreiber dreier Haggadoth ein gewichtiges Stück jüdischer und gleichzeitig Ihringer Kultur geschaffen hat.

Die drei von Levi geschaffenen Schätze jüdischer Buchkunst befinden sich in Museen in Jerusalem und London sowie in privater Hand in Paris. Bei der Haggada handelt es sich um ein reich bebildertes Büchlein, aus dem am Abend von Pessach, dem Fest der ungesäuerten Brote, beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen wird.

Der in Knoxville in Tennessee lebende Bing, der 32 Jahre an der University of Tennessee Geschichte lehrte, nahm die Zuhörer bei seinem Vortrag mit auf eine spannende Reise in die Vergangenheit, die für Bing Ende der 1960er Jahre begann, als er sich zunehmend für seine Familiengeschichte interessierte. Dabei stieß er unter anderem auch auf den Namen Abraham Levi, der von 1730 bis zu seinem Tode im Jahre 1764 in Ihringen lebte. Weil bei den drei erhaltenen Haggadoth aus den Jahren 1732, 1740 und 1756 ein Abraham aus "Ihringen, nahe der alten Festung Breisach" als Schreiber genannt wurde, drehte sich für Bing sehr schnell alles um die Frage, ob nicht sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater die Haggadoth geschaffen haben könnte. Den entscheidenden Hinweis brachte dann schließlich die Veröffentlichung eines Historikers der Universität Bern, der in einem Artikel über die staatliche Judenpolitik in Baden im 18. Jahrhundert in einer Fußnote den Sohn des Abraham Levi, Aaron Levi, erwähnte. Weitere Recherchen ergaben, dass Aaron Levi im Jahre 1756 beim Oberamt in Emmendingen darum gebeten hat, gegen Entrichtung des Schutzgeldes für seinen Vater, den er unterstützte, seinen Viehhandel weiter ausüben zu dürfen. Im entsprechenden Schriftwechsel des Emmendinger Oberamtes mit dem badischen Hofrat in Karlsruhe wird Aaron Levi als "Sohn des Zehngebotschreibers Abraham Levi" bezeichnet, für Bing der endgültige Beweis dafür, dass sein Vorfahre Abraham Levi mit dem Verfasser der Haggadoth identisch ist.

Die Vorsitzende des Breisacher Fördervereins, Christiane Walesch-Schneller, zeigte sich von den Darstellungen Bings ebenso beeindruckt wie der Historiker und profunde Kenner der regionalen jüdischen Geschichte, Günter Boll, der sich selbst intensiv mit den drei in Ihringen verfassten Haggadoth beschäftigt hat. Walesch-Schneller gab der Hoffnung Ausdruck, dass Bing bei einem weiteren Besuch in Deutschland seine Forschungsergebnisse in einem größeren Rahmen der Öffentlichkeit präsentieren wird. Bing selbst, der bei seinem ersten Deutschlandaufenthalt von Mitgliedern seiner Familie begleitet wird, ist inzwischen in den Raum Frankfurt weitergereist, um sich dort auf die Spurensuche nach den Vorfahren seiner Frau zu begeben. Bei dem anschließenden Besuch in Paris hofft er darauf, einen Blick auf die 1740 entstandene Ihringer Haggada werfen zu können, die sich in Privatbesitz befindet.

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