Badische Zeitung vom Montag, 27. September 2004

"Es geht jeden etwas an"
BZ-INTERVIEW mit Samuel Harding aus England, der sich ein Jahr im "Blauen Haus" engagierte



Samuel Harding BREISACH. Ein Jahr lang hat der aus England stammende Samuel Harding als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) im "Blauen Haus" in Breisach gearbeitet. Nachdem er in Oxford Geschichte studiert hatte, absolvierte der 24-Jährige zuerst ein freiwilliges soziales Jahr in einem Heim für geistig behinderte Menschen bei Reutlingen. Danach bewarb er sich bei der ASF und engagierte sich ab September 2003 im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus, dem "Blauen Haus". Mit Samuel Harding sprach BZ-Mitarbeiterin Christine Aniol.

BZ: Hat die Arbeit im "Blauen Haus" in Breisach Ihre Erwartungen erfüllt?
Harding: Zuerst hatte ich Angst, dass ich hier nicht intensiv betreut werde, da das "Blaue Haus" eine sehr kleine Gedenkstätte ist. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Ich wurde hier gut aufgenommen und habe unterschiedliche Aspekte des Projektes kennen gelernt, da ich nicht nur für einen Bereich zuständig war.

BZ: Was genau haben Sie im letzten Jahr in Breisach gemacht?
Harding: Ich habe mich zum Beispiel mit Briefen aus den USA, die uns ein Sohn eines Flüchtlings geschickt hatte, beschäftigt, um sie zu archivieren. Es war teilweise gar nicht so einfach, sie zu entziffern und zu übersetzen. Aber auch die Arbeit mit Schülern hier im "Blauen Haus" hat viel Zeit in Anspruch genommen.

BZ: Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Harding: Die Arbeit mit den Schülern. Ich habe zum Beispiel 8 Jugendliche, die in New York gerade eine jüdische Gedenkstätte besuchen, bei der thematischen Vorbereitung beraten und sie mit Arbeitsmaterial versorgt. Außerdem habe ich im letzten Jahr die Schulklassen, die hier ins "Blaue Haus" kamen, betreut.

BZ: Und welche Arbeiten haben Sie nicht so gerne gemacht?
Harding: Keinen Spaß haben mir die kleinen Hausmeisterarbeiten, die ich natürlich auch erledigen musste, gemacht. Dass ich aber mal spülen oder putzen musste, kam äußerst selten vor.

BZ: Was war Ihre wichtigste Erfahrung?
Harding: Bevor ich in Breisach gearbeitet habe, kannte ich mich, als Engländer, in der deutschen Geschichte nicht so gut aus. Mein Interesse wuchs und mir wurde schnell bewusst, dass das Thema des Nationalsozialismus keinesfalls ein Thema ist, das allein die Deutschen betrifft. Egal woher man kommt - es geht jeden etwas an.

BZ: Und wie geht es nach dem Freiwilligendienst jetzt weiter?
Harding: Auf einem Abschlussseminar wird das vergangene Jahr ausgewertet. Danach mache ich mit meinen Eltern in New York Urlaub, wo ich auch Freunde aus dem "Blauen Haus" treffen werde. Danach möchte ich ab Oktober an der Universität in Freiburg Geschichte und Englisch auf Lehramt studieren, da mir die Arbeit mit den Schülern sehr viel Spaß gemacht hat.

 

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