Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer
Nicht ganz zufällig zum 65. Jahrestag der Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden las hier Hans Helmut Straub, Schauspieler am Stadttheater Konstanz, im Blauen Haus. Anrührend und ergreifend war das, was Hans Helmut Straub im Namen Jacob Picards vor den zahlreich erschienenen Besuchern entfaltete. In einer einfühlsamen poetischen Sprache wurde vor dem geistigen Auge der Zuhörer eine längst untergegangene Welt wieder erschaffen, in deren Zentrum das selbstbewusste,
auf eigene Tradition bestehende Judentum stand, das sich gerade deswegen der Achtung der christlichen Nachbarn sicher sein konnte.
Dies wurde besonders in der ersten von Straub gelesenen Erzählung deutlich, die von einem jüdischen Händler handelte, der Ende des 18. Jahrhunderts im tief verschneiten Schwarzwald mit einer schweren Rückentrage zu Fuß unterwegs war. Weil Eis und Schnee eine rechtzeitige Rückkehr zum „Schabbos“, dem jüdischen Feiertag, unmöglich machte, war er gezwungen, fernab seines Dorfes und seiner „Schul“, der Synagoge, den Tag zu verbringen. Das war ein Umstand, der ihm große Gewissensbisse bescherte, den er letztendlich aber fastend und im unablässigen Gebet überstand, wohlwollend und achtungsvoll beschützt von seinem Gastgeber, dem Hölzlebauer und seiner Familie.
So packend trug Straub die Geschichte vor, dass der Zuhörer sich fast selbst am Tisch wähnte, an dem die Familie nach Ende des „Schabbos“ bei Kerzenschein endlich Platz nahm, um die mitgebrachte Handelsware des Juden zu begutachten. Einfach und fromm sind alle Personen gezeichnet, von denen Picards Erzählungen handeln. Zuweilen dürfen sie auch kleinlich und unzulänglich sein, wie das geizige Ehepaar, das sich aus verletztem Stolz heraus dazu hinreißen ließ, einen Fisch zu kaufen, der ihr Budget fürs Festtagsessen weit überschritt.
Immer wird jedoch eine anheimelnde, in sich stimmige Welt geschildert, in der alles seinen Platz hat. Nicht von ungefähr sind Picards Erzählungen mit Hebels Kalendergeschichten verglichen worden. Denn hier wie dort werden menschliche Unzulänglichkeiten nicht verschwiegen, aber auch nicht von oben herab verdammt. Vielmehr wird der Blick auf eigene Schwächen gelenkt: „Niemand soll nun selbstgerecht lachen über die beiden. Jeder hat schon solch einen Kauf getan, du und du – und sicher auch ich.“ Gedichte und autobiografische Erzählungen rundeten den Vortragsabend ab.
Hans Helmut Straub verstand es vorzüglich, die andächtig lauschenden Zuhörer fast zwei Stunden lang zu fesseln. Jacob Picard hätte sicher seine helle Freude daran gehabt, wenn er dabei gewesen wäre, und sich dann an seine eigene Lesereise erinnert, die er 1937 auf Einladung des Oberrats der Israeliten Badens unternommen hatte. Damals las er in jüdischen Kulturbünden und Lehrhäusern aus seinem Buch „Der Gezeichnete“, um seinen Glaubensgenossen in der schweren Zeit Bestätigung und Trost zu geben. Das Buch war ein Jahr zuvor erschienen, durfte aber nur von jüdischen Lesern gekauft werden. Erst im Jahr 1963 kamen die Erzählungen erneut in erweiterter Form mit dem Titel „Die alte Lehre“ heraus. Seine gesammelten Erzählungen aus dem alemannischen Landjudentum und der Emigration in den USA, mit seinen autobiografischen Texten, Gedichten und Essays wurden von Manfred Bosch neu herausgegeben und sind heute erhältlich unter dem Titel „Werke“.

BREISACH. Wenn vom alemannischen Landjudentum die Rede ist, kommt man an ihm nicht vorbei – an Jacob Picard, der 1883 in Wangen am Bodensee geboren wurde und dem die Nachwelt eine eindrückliche, literarische Schilderung der jüdischen Lebenswelt seiner Heimat verdankt. Nun hat der „Freundeskreis Jacob Picard“ eine Lesereise initiiert, die das Werk des fast vergessenen Schriftstellers und Dichters wieder mehr ins Bewusstsein rücken soll. Auch Breisach war unter den Veranstaltungsorten.
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