Badische Zeitung vom Dienstag, 25. März 2008

Jugendliche auf den Spuren der jüdischen Geschichte
Junge Ihringer wollen sich mit einem schwierigen Kapitel der Geschichte befassen / Filmemacher Bodo Kaiser unterstützt sie dabei



IHRINGEN (fsn). Über Jahrzehnte hinweg wohnten in Ihringen jüdische Familien Haus an Haus mit den christlichen Nachbarn, bis sie zu Zeiten des Nationalsozialismus, wie überall im Land, grausam vertrieben wurden. Kaum einer wagte nach dem Krieg sich mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen, zu groß war das Schamgefühl, zu nah erschien den meisten das Geschehen. Nun soll sich das ändern. Unter der Leitung von Jugendzentrumsleiter Frank Forster und auf Wunsch der Gemeinde wollen sich Jugendliche in einem Projekt mit der jüdischen Geschichte des Dorfes auseinandersetzen. Ein erstes Treffen zum Austausch der Vorstellungen hat bereits stattgefunden.


(FOTO: FRIEDEL SCHEER)

Der Ihringer Bürgermeister Martin Obert begrüßte die Anwesenden und begründete die Notwendigkeit dieses Projekts. "Wir müssen versuchen neue Wege im Umgang mit unserer jüdischen Geschichte zu gehen" , meinte er und mahnte an, dass alten Ressentiments begegnet und Aufklärung gefördert werden müsse. Die Jugendlichen seien seiner Meinung nach prädestiniert für diese Aufgabe, da sie durch den zeitlichen Abstand unbelastet an die Erforschung dieses Kapitels der Gemeinde herangehen könnten. Obert betonte, dass es ein Ihringer Projekt sein soll, unabhängig von dem, was in Nachbargemeinden erarbeitet wurde.

Wie der Sozialarbeiter Frank Forster mitteilte, sind zahlreiche Jugendliche, unter anderem auch Mitglieder der Landjugend, an der Mitarbeit bei diesem Projekt interessiert, es konnten aber wegen Terminschwierigkeiten nur einige an dem Treffen teilnehmen. Umso zahlreicher erschien dafür eine Reihe von Erwachsenen, unter anderen auch Zeitzeugen, die viel zu erzählen haben und die den Jugendlichen gerne Rede und Antwort stehen möchten.

In welcher Form man die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren möchte, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau fest. Ob ein Film entstehen kann, oder eine Ausstellung angesteuert wird, oder beides verfolgt wird, blieb zunächst offen. Gewinnen konnte man jedenfalls den Freiburger Filmemacher Bodo Kaiser, der mit einigen Filmen zum Thema bereits viel Erfahrung mitbringt. So zeigte Bodo Kaiser den Anwesenden Ausschnitte aus seinen Filmen "Die Judengasse" und "Rückkehr in die vergessene Schule" , bei dem er teilweise auch in Ihringen gefilmt hat. Damit wollte er Denkanstöße geben, wie man sich dem Thema nähern könnte.

Es zeigte sich jedoch in der anschließenden Fragerunde, dass bei den Jugendlichen schon einige Vorstellungen gereift waren, wie man vorgehen könnte. Vom Aufsuchen und Dokumentieren baulicher Zeugnisse jüdischen Lebens, über Interviews mit Zeitzeugen, auch solcher, die die Vorgehensweise damals gut fanden, bis zur Auseinandersetzung mit jüdischen Bräuchen und Riten, reichten die Vorschläge. Auch die anwesenden älteren Ihringer brannten darauf, ihre Erinnerungen mitzuteilen. Man einigte sich auf ein baldiges Treffen, um konkrete Pläne zu fassen. Denn wenn es irgendwie zu bewerkstelligen ist, sollen bis zum 9. November dieses Jahres Ergebnisse vorliegen.

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