Badische Zeitung vom Freitag, 24. August 2007

OFFENER BRIEF: "Was hat die Täter zur Schändung getrieben?"

BZ-INTERVIEW mit Christiane Walesch-Schneller, Vorsitzende des Fördervereins jüdisches Gemeindehaus, zu den Verwüstungen auf dem jüdischen Friedhof in Ihringen BREISACH/IHRINGEN. Die erneute Schändung des jüdischen Friedhofes in Ihringen hat deutlich gemacht, dass auch junge Menschen aus der Region nach wie vor für Rechtsradikalismus anfällig sind. Christiane Walesch-Schneller versucht als Vorsitzende des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach seit Jahren, die jüdische Geschichte aufzuarbeiten und durch Kontakte zu früheren jüdischen Bürgern und deren Nachfahren zur Versöhnung beizutragen.

Mit ihr sprach BZ-Redakteur Gerold Zink.

BZ: Die Täter sind gefasst, ist jetzt wieder alles in Ordnung?

Walesch-Schneller: Die Polizei hat schnell und zuverlässig gearbeitet und den Zusammenhang zwischen einem Auto im Spargelacker und der Verwüstung des Friedhofes hergestellt. Und die Täter haben ihre eigene Festnahme erheblich erleichtert. Wir sind froh über den raschen Fahndungserfolg. Und wir haben erst jetzt den Hintergrund begriffen, warum die Schändungen des jüdischen Friedhofes in Ihringen 1990 und 2007 im August stattfanden. Die Neonazis begehen rituell um den 17. August den Todestag von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, in diesem Jahr den 20. Polizei und Staatsanwaltschaft haben zugesichert, dass jetzt an der Lösung der Frage gearbeitet wird, wer die Täter von 1990 und 1991 waren. Die Tatsache, dass die Schändungen nicht aufgeklärt wurden, versteht die rechtsradikale Szene als Ermutigung für weitere Taten.

BZ: Was muss jetzt geschehen?

Walesch-Schneller: Diese drei Jugendlichen und der junge Mann kommen aus unserer Region, aus der Mitte unserer Gesellschaft, aus "normalen Familien" . Jetzt wäre es wichtig, sie nicht auszuschließen, sondern zum Sprechen zu bringen, was hat sie motiviert, was hat sie getrieben, welche Reden wurden dort "im Weinberg" geführt, welche Lieder gesungen, was war das überhaupt für eine feiernde Kameradschaft? Was fehlt ihnen in ihren Familien, in der Schule, Lehre oder am Arbeitsplatz, kurz in unserer Gesellschaft, dass sie den Applaus für antisemitische Zerstörung suchen? Wie können wir sie in unsere Gesellschaft zurückholen? Unser Anliegen ist nicht die Strafe, sondern die Auseinandersetzung mit der beunruhigenden Tatsache, dass junge Menschen sich dem Hass verschreiben, sich bewusst als Nachfolger der Generation von Nazis darstellen.

BZ: Wurden in Ihringen die Geschichte der jüdischen Gemeinde und deren Vernichtung zu wenig aufgearbeitet?

Walesch-Schneller: Viele Ihringer haben die Reaktionen auf die Schändungen von 1990 und 1991 selbst als traumatisch erlebt, sie haben sich am Pranger gefühlt. Es gibt zwar viele Vorarbeiten einer Gruppe, die sich damals gebildet und Aufklärung betrieben hat, aber zum Beispiel noch keine geschriebene Geschichte der Juden von Ihringen, kein Memorial, in dem alle jüdischen Familien und die ermordeten Ihringer Bürger genannt werden. Die Gemeinde kann hier initiativ werden, so wie es in Eichstetten und Sulzburg beispielhaft geschehen ist.

BZ: Die Bürger von Ihringen haben mit einer Mahnwache auf die Schändung des jüdischen Friedhofs reagiert. War Ihnen das zu wenig?

Walesch-Schneller: Die Reaktion von 70 Ihringer Bürgern und ihres Bürgermeisters waren ein ausgesprochen wichtiges Zeichen und es war spürbar, dass es von Herzen kam. Einige engagierte Bürger aus der Region haben außerdem am 14. August eine Erklärung unterschrieben (abgedruckt in der BZ auf der Seite "Forum" am 16. August), in der sie ihr Entsetzen zum Ausdruck bringen und die Aufklärung der Schändungen von 1990 und 1991 fordern. Sie haben viel Solidarisierung und Zustimmung von Menschen und Initiativen aus der Region und aus dem Ausland erhalten sowie Hilfsangebote praktischer und finanzieller Art. Wir hoffen, dass sich Ihringens Bürgermeister Martin Obert durch die positive Entwicklung in seiner Gemeinde ermutigt fühlt, bald alle Überlebenden der jüdischen Gemeinde Ihringen, die hoch betagt sind, oder ihre Nachkommen zu suchen und sie in ihren früheren Heimatort Ihringen einzuladen. Das Blaue Haus und Frau Dienst-Demuth mit ihren Schülern haben vor einigen Jahren die ersten jüdischen Ihringer eingeladen und nach Ihringen begleitet. Diese Begegnungen haben zu Freundschaften mit Ihringer Bürgern geführt, so sind die besten Voraussetzungen geschaffen worden. Wir wissen, dass noch viele Menschen auf eine echte Einladung warten. Es wird auch der weiteren Fürsorge für den Friedhof nützen, wenn viele Ihringer wissen, wessen Vorfahren dort bestattet sind, wenn die Gräber nicht mehr anonym bleiben. Man engagiert sich leichter für etwas, das einem nicht fremd ist.

BZ: Wie sieht es mit der Aufarbeitung der Geschichte in Breisach aus? Gibt es hier noch Defizite?

Walesch-Schneller: Die Arbeit, die zu leisten ist, wird noch die nächsten Generationen beschäftigen, wir können nur, selbst mit dem Förderverein, die ersten Schritte machen. Auch Breisach hat noch keine geschlossene Publikation über die jüdische Gemeinde und ihre Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Wir erinnern uns an die hochemotionale Diskussion vor 3 Jahren, wie mit dem sichtbaren Zeichen der Selbstverherrlichung der Nazis am Fuß des Münsterbergs umgegangen werden soll. Es ist zu hoffen, dass in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv viele neue Projekte angepackt werden. Gegenwärtig arbeiten wir daran, mit Unterstützung des Stadtarchivs die 70 Namen von jüdischen Bürgern herauszufinden, deren Namenstafeln 1938 auf dem neuen jüdischen Friedhof zerstört worden sind, um neue, kleine Namenstafeln anzubringen. Das sind nur zwei Beispiele.

BZ: Sie engagieren sich seit Jahren in der Region für die Aussöhnung. Was bedeutet die erneute Friedhofsschändung für Ihre Arbeit?

Walesch-Schneller: Ich möchte es nicht Aussöhnung nennen, denn das ist der Moment, den jeder Einzelne nur individuell und für sich bestimmen kann. Gibt es eine Aussöhnung mit dieser Geschichte? Es scheint mir eine notwendige und sinnvolle Arbeit der Annäherung, der Begegnung und Wiederanknüpfung, die unbedingt fortgesetzt werden muss. Es ist ein ebenso wichtiger wie bescheidener Versuch, mit diesem historischen Abgrund umzugehen. Wir sind sehr froh, wenn sich die Solidarität der vielen Menschen gegen Antisemitismus in Mitarbeit und Unterstützung verwandelt. Wir haben zu wenig Hände und Herzen bei unserer Arbeit im Blauen Haus. Das Blaue Haus ist der Geschichte der Juden am Oberrhein gewidmet, jede und jeder kann mitmachen. Und gemeinsam können wir eine Geschichte der Juden und des Antisemitismus am Kaiserstuhl schreiben.

BZ: Sie haben häufig Kontakt zu Überlebenden des Holocaust und zu Nachfahren von jüdischen Bürgern, die in der Region gelebt haben. Wie fühlen sich Überlebende, wenn sie von solch einer Friedhofsschändung erfahren?

Walesch-Schneller: Wir haben einen vollkommen versteinert wirkenden israelischen Bürger am Friedhofstor von Ihringen getroffen. Er war zufällig an diesem Tag als Besucher in der Region. Diese Gewalt hat eine tiefe Wirkung. Können sich jüdische Menschen hier sicher fühlen? Jüdische Familien aus der Region, die jetzt in aller Welt leben, sind schockiert, das sind katastrophal schlechte Nachrichten, aber sie haben uns gebeten, unsere Arbeit fortzusetzen. Für sie ist das Blaue Haus ein Symbol für ein Stück Heimat, sie fühlen sich willkommen geheißen, die Erinnerung an ihre ermordeten Familienangehörigen und ihre Familien ist hier aufbewahrt. Das hat dem Leben der meisten Hoffnung gegeben und sie waren ermutigt, mit ihren Kindern und Enkeln über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen.

BZ: Sie haben im Vorfeld der Festnahme der Tatverdächtigen die Polizei kritisiert. Stehen Sie noch zu diesen Vorwürfen?

Walesch-Schneller: Wenn Sie die Erklärung lesen, werden Sie keinen Vorwurf finden. Wir haben aus der tiefen Sorge um die fehlende Aufklärung der Verwüstungen von 1990 und 1991, die verheerende Wirkung von nicht gesühnten Verbrechen auf die ganze Gesellschaft, gefordert, dass es einen neuen Schub für die Ermittlungen gibt. Die Aufforderung geht nicht nur an die Polizei, sondern an uns alle. So wie der Bürger in Bötzingen verantwortlich handelte und das Auto im Spargelacker meldete, so wird aus dem Kreis der Täter von damals etwas in ihrer Umgebung bekannt sein. Noch einmal: Uns geht es nicht um die Strafe, das ist die Aufgabe anderer, sondern um das Verstehen, was treibt Menschen dazu, Hass auf jüdische Menschen zu empfinden und auszuleben.

BZ: Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um künftig solche Schändungen zu verhindern?

Walesch-Schneller: Natürlich zunächst einmal die Fortsetzung unserer Arbeit in Breisach, in Mackenheim und in der Region. Wir nehmen seit vielen Jahren junge Menschen, Schüler, Studenten, junge Europäer im Rahmen der Sommerlager von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste mit auf die jüdischen Friedhöfe, um dort ehrenamtlich zu arbeiten und dabei etwas über das Judentum zu lernen. Zum ersten Mal in 400 Jahren kümmern sich Schüler vom Kaiserstuhl um den historischen Begräbnisplatz in Mackenheim! Sie lernen, wie Juden und Christen im 17. und 18. Jahrhundert als Nachbarn gelebt haben. Aus einem Ort der Toten wird ein Lernort. Darüber hinaus sollte die Gemeinde Ihringen in der Region Unterstützung bei der Bewachung des Friedhofes bekommen. Sicher werden die neuesten technischen Möglichkeiten geprüft, die als Abschreckung dienen könnten. Andererseits setze ich lieber auf die sicherste Schiene, die menschliche: wenn 730 Menschen aus der Region sich anbieten, einmal im Jahr eine 12-stündige Wache am Friedhof zu halten, werden die Ihringer Juden eine neue Totenruhe erleben. Das scheint mir eine Demonstration von Solidarität nicht nur mit dem jüdischen Erbe, sondern auch eine Unterstützung der Gemeinde Ihringen. Ulrich Maschke hat seit 1991 solche Wachen übernommen. Leider ist er in diesem Frühjahr verstorben. Wir könnten auch ihn und sein Engagement ehren, wenn wir in seine Fußstapfen treten.