Badische Zeitung vom Dienstag, 23. Juni 2015

"Ohne Erinnerung sind wir einsam"
Der Platz vor dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus wurde in einer würdevollen Feier nach Michael Eisemann benannt.

BREISACH. Zur Geschichte Breisachs gehört auch die Geschichte der Breisacher Juden, die mit dem nationalsozialistischen Terror brutal unterbrochen wurde. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden damals deportiert oder vertrieben, viele von ihnen ermordet. Zur Erinnerung an diese Verbrechen und um an die reiche jüdische Tradition Breisachs anzuknüpfen, wurde in einer Feierstunde am Sonntagabend der Platz vor dem Blauen Haus nach dem letzten Kantor der Gemeinde Michael-Eisemann-Platz benannt.

Viele Gäste hatten sich rund um den kleinen, frisch gepflasterten Platz versammelt. So viele sogar, dass die Helfer des Fördervereins ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach immer mehr Stühle und Bänke heranschleppen mussten. Unter den Zuhörern waren auch zahlreiche Nachfahren von Breisacher Juden. Sie sind zur inzwischen traditionellen Woche der Begegnung in die Europastadt gekommen, die der Förderverein in diesem Jahr bereits zum siebten Mal veranstaltet.

Dieses Mal prägt der Jahrestag zweier einschneidender Ereignisse das Treffen. 1940, vor 75 Jahren, wurden die badischen und damit auch die Breisacher Juden nach Gurs deportiert, fünf Jahre später und damit vor genau 70 Jahren, endete mit der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg der nationalsozialistische Terror.

Am Rednerpult vor dem Blauen Haus, dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus, erinnerte Bürgermeister Oliver Rein an die Auslöschung der jüdischen Gemeinde Breisachs.

Vor rund zwei Monaten hat der Gemeinderat der Münsterstadt einstimmig beschlossen, dass der Platz einen offiziellen Namen erhalten und nach Michael Eisemann benannt werden soll. "Mit der Benennung soll an einen engagierten, an einen von Mitbürgern aller Konfessionen geschätzten und verdienten Bürger Breisachs und zugleich an eines der ersten Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnert werden", erklärte Rein. Gemeinsam enthüllten Michael Eisemanns Urenkelin Lauren Sonkin, die Zeitzeugin Ilse Wyler-Weil, Christiane Walesch-Schneller, die Vorsitzende des Fördervereins, und Bürgermeister Rein das neue, dunkelblaue Straßenschild, das an einer niedrigen Steinmauer angebracht ist.

Außerdem setzten Rein und Sonkin im Bürgersteig vor dem Blauen Haus einen Gedenkstein für Eisemann ein. In den großen Rheinkiesel sind die Lebensdaten des Breisachers eingraviert, außerdem sein Aufenthalt im KZ Dachau. "Das ist der erste und sicher nicht der letzte dieser Steine", betonte das Stadtoberhaupt.

Dass der Platz vor dem Blauen Haus nun nach ihrem Urgroßvater heiße, sei eine unglaublich große Ehre, dankte Sonkin. Die junge Amerikanerin hat ihren Urgroßvater nie kennengelernt, Ilse Wyler-Weil dagegen wurde von ihm als Mädchen unterrichtet. Nur wenig wisse sie noch von damals, sagte die alte Dame, doch sie sei die Einzige, die überhaupt noch von etwas berichten könne.

Sonkin erzählte, wie ihr Großvater Ralph Eisemann sie vor einigen Jahren nach Breisach mitgenommen habe und dies mit einem klaren Ziel vor Augen: "Seine Enkelkinder sollten seine Wurzeln kennenlernen und sicherstellen, dass sein Vermächtnis und das Schicksal der Juden in Breisach nie vergessen, sondern von einer zur anderen Generation weitergetragen werden", sagte sie. Die Namensgebung habe Ralph Eisenmann nicht mehr erlebt. Dieser Wunsch aber, so Sonkin, habe sich erfüllt. Heute sei das Blaue Haus eine beeindruckende Gedenkstätte.

"Wir haben damals etwas gezittert", gestand Walesch-Schneller. Das Anliegen, das Ralph Eisemann bei seinem Besuch 1999 vorbrachte, sei ihnen als eine große Herausforderung erschienen. Doch in den vergangenen Jahren sei es gelungen, die Gedenkstätte aufzubauen und ein Netzwerk zu schaffen. "Viele haben viel gegeben", sagte die Vereinsvorsitzende und wandte sich damit insbesondere an die zahlreichen Nachkommen.

Für diese sei das Blaue Haus ein Ort der eigenen Geschichte, erklärte Rabbiner David Mason aus London, dessen Familie ebenfalls Wurzeln in Breisach hat. Dabei gebe es in der Sprache der Thora kein Wort für Geschichte, Vergangenheit werde stattdessen stets mit der Pflicht zum Gedenken ausgedrückt. "Wir sind einsam, wenn wir uns nicht erinnern", sagte Mason. Das Blaue Haus sei für sie daher ein Ort, an den sie zurückkehren können, um an die Vergangenheit anzuknüpfen.

Das betonte der Rabbiner auch auf dem Synagogenplatz, nur wenige Meter vom neuen Michael-Eisemann-Platz entfernt, wo im Anschluss an die offizielle Namensgebung ein Gedenkbuch eingeweiht wurde. Zwischen den beiden Buchdeckeln aus wetterfestem Material sind Seiten mit den Namen von Breisachern eingeheftet, die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden. "Schicksalsblätter" nennt sie Uwe Fahrer, der Breisacher Stadtarchivar. Er hatte die Idee, an zentraler Stelle in der Münsterstadt ein solches Gedenkbuch als öffentliches Mahnmal zu gestalten. In den nächsten Monaten soll das Buch wachsen und mit weiteren Namen gefüllt werden.

So sollen die Schicksale aller Opfer aus Breisach vereint sein, erklärte Fahrer. "Damit geben wir ihnen allen wieder einen Platz an dem Ort, an dem sich die jüdische Gemeinde bis zum Pogrom 1938 über 100 Jahre lang versammelt hat, zur Stärkung der Gemeinschaft gegen alle Drangsale", sagte der Archivar. Die abendliche Gedenkfeier zur Einweihung des Michael-Eisemann-Platzes wurde von Charlotte Waibel (Violoncello) und Yuko Mack (Piano) musikalisch begleitet. So begann die Veranstaltung mit "Prayer", einem Stück, zu dem sich der Komponist Ernest Bloch von liturgischen jüdischen Gesängen inspirieren ließ. Und mit einem solchen gesungenen Gebet endete der Abend dann. "Wir lieben das Leben, unser Glaube ist ein Fest des Lebens", rief Rabbi Mason, und gemeinsam mit einigen Gästen sang er das hebräische Lied.

Auch der Sonntagmittag stand im Zeichen des Gedenkens. Mit einem Empfang erinnerten die Anwohner der Ida-Frank-Straße an die verdiente Breisacher Jüdin, nach der die Straße vor wenigen Jahren benannt wurde. Alan Frank, der Enkel der Namenspatronin, und seine Frau Miriam nahmen einen von drei Sternen in Empfang, Florian Herth hat sie gefertigt. Mit ihnen soll die Lebensleistung von Ida Frank gewürdigt werden, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem als Stadträtin das Breisacher Leben mitprägte, bevor sie in den 30er Jahren wie viele andere zur Flucht gezwungen war. Die anderen beiden Sterne wurden an das Blaue Haus und an das Stadtmuseum übergeben.


MICHAEL EISEMANN

1884 wurde Michael Eisemann geboren. Er war Kantor und Lehrer der jüdischen Gemeinde in Breisach und zugleich ihr spiritueller Kopf. Mit seiner Familie bewohnte er das oberste Stockwerk des heutigen Blauen Hauses. 1938 wurde er ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort nahm seine Gesundheit so großen Schaden, dass er nach seiner Entlassung 1939 starb. Seiner Frau Clara und den beiden Söhnen Ralph und Ludwig gelang die Flucht, sie wurden in die Vereinigten Staaten und nach Palästina getrieben.

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