Badische Zeitung vom Freitag, 23. März 2007

"Wie ist es, auf Wehrlose zu zielen?"
Jugendliche aus verschiedenen sozialen Milieus waren 10 Tage im Vernichtungslager Auschwitz und drehten dort einen Film



Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

 


FOTO: Privat
BREISACH. Seit mehreren Jahren schon organisiert der Verein "Für die Zukunft lernen" pädagogische Aufenthalte in Auschwitz mit überwiegend sozial benachteiligten Jugendlichen. Mit zum Programm gehört die mediale Verarbeitung der Eindrücke. Im vergangenen Jahr wurde dies nun erstmals mit einem Filmprojekt verbunden.

 

Unter Anleitung des Filmemachers Jürgen Dettling, der im Rahmen des Vereins "Black Dog" Medienkompetenz vermittelt, erarbeiteten die Jugendlichen einen Film, bei dem sie ihre ganz spezielle Sicht auf das Konzentrationslager und den Nationalsozialismus einbringen sollten.

Nun wurde der Film "Jugendliche sehen Auschwitz" bei einer "süddeutschen Premiere" im Blauen Haus in Breisach gezeigt. Und hier stellte sich heraus: Das, was die interessierten Zuschauer in Breisach zu sehen bekamen, war anrührend und eindrücklich zugleich. Wie Jürgen Dettling zu Beginn der Vorstellung bemerkte, hatten die Jugendlichen einen Spagat zu vollbringen, der auch von erwachsenen Filmemachern bei einer solchen Arbeit bewerkstelligt werden muss. Sie mussten auf der einen Seite mit ihrer emotionalen Betroffenheit umgehen und sich gleichzeitig damit auseinandersetzen, wie sie das, was sie in Auschwitz vorfanden, filmisch so umsetzen, dass es den Zuschauer anspricht. Dazu gehörte auch ein schlüssiger Aufbau des Films, eine Aufgabe, bei der die rationale Herangehensweise gefragt war.

Die 12 am Projekt beteiligten Jugendlichen meisterten ihre Aufgabe hervorragend. Die ausdrucksstarken, für sich selbst sprechenden Bilder wurden mit Abschnitten eines Zeitzeugen-Interviews kombiniert, die eine gekonnte Mischung von Emotionalität und Information aufweisen.

Die später zugefügten Kommentare zeugen von einem reflektierten Umgang mit dem Thema und einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in dem ehemaligen Vernichtungslager. Dazu bereichern auch ganz persönliche Aussagen den Film, bei denen die jungen Filmemacher Momentaufnahmen aus ihrer Gefühlswelt preisgeben. Die selbst entwickelte musikalische Unterlegung des Films verstärkt zudem die Bilder auf eindringliche Weise.

Natürlich gilt das Mitgefühl der Jugendlichen in erster Linie den Opfern. Doch auch eine nicht unbedingt zu erwartende Auseinandersetzung mit den Tätern wurde im Film verbalisiert. "Wie fühlt sich das an, wenn man auf wehrlose Menschen zielt?" , fragte sich da ein Projektteilnehmer zu Bildern, die genau diese Situation auf einem Foto zeigt: hilflos ausgelieferte Kinder, Frauen und Männer, auf die Uniformierte das Gewehr richten.

Wie in der anschließenden Diskussion deutlich wurde, war das Projekt auch — bedingt durch die Zusammensetzung der Gruppe — eine spannende Angelegenheit. Sozial benachteiligte Jugendliche aus dem Christophorus-Jugendwerk in Oberrimsingen und einer Wohngruppe des Jugendsozialwerks Rostock trafen auf Schülerinnen und Schüler von Gymnasien aus Rostock und Freiburg. Doch mit dieser Kombination seien die Jugendlichen gut zurechtgekommen, berichtete Werner Nickolai, der das Projekt von Seiten des Vereins "Für die Zukunft lernen" betreute. Es hätte eine solidarische Umgangsweise geherrscht.

Eine besondere Situation sei es gewesen, 10 Tage an diesem Ort bleiben zu müssen, machte Nickolai deutlich. Doch das gehöre mit zu dem Konzept des Vereins, der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, Jugendliche, die dem rechtsorientierten Spektrum nahe stehen, mit dem Vernichtungslager zu konfrontieren. Weil sich Jugendliche lieber etwas von Gleichaltrigen sagen ließen, sei dieser Film bestens geeignet, in Schulen und Medienzentren eingesetzt zu werden, ist Nickolai überzeugt. Diese Einschätzung ist sicher richtig. Aber auch auf Erwachsene wirkt der Film beeindruckend, wie sich bei der Vorführung im Blauen Haus gezeigt hat.

Der Film kann für 12 Euro erworben werden. Kontakt: dettling@black-dog-ev.de, Telefon 07642/9263-06

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