Badische Zeitung vom Freitag, 22. Oktober 2004

Jugendaustausch mit New York
Zwölftklässler des Martin-Schongauer-Gymnasiums besuchen jüdische Familien in Manhattan / Ziel: "Vorurteile abbauen"



Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer-Nahor

Jugendaustausch mit New York 2004 BREISACH. Nun endlich trägt die Vorbereitungszeit von zwei Jahren, von der Idee bis zu den Planungen im Detail, ihre Früchte: Acht Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 12 des Martin-Schongauer-Gymnasiums reisen morgen für zwei Wochen nach New York, um in der Stephen-Vise-Gemeinde in Manhattan jüdische Emigranten aus Deutschland und deren Nachkommen kennen zu lernen.

Obwohl die Reise von den Eltern bezahlt wird, mussten sich auch die Jugendlichen ihre Teilnahme an diesem Jugendaustausch - die Partner werden nächstes Jahr erwartet - regelrecht "verdienen". Da fiel zuerst früheres Mitmachen bei Projekten im "Blauen Haus" ins Gewicht, aber auch im Zuge der Vorbereitung intensive Auseinandersetzung mit relevanten Themen, zu denen Mappen erarbeitet werden mussten, die an einem Schabattabend in der New Yorker Gemeinde von den Jugendlichen vorgestellt werden. Dabei werden die Schüler über die Reichspogromnacht, über das Leben des KZ-Aufsehers Josef Schillinger aus Oberrimsingen sowie über die Situation der Juden in Breisach vor und nach dem Jahre 1933 sprechen. Auch über die Geschichte der Breisacher Familie Bähr, deren Mitglieder allesamt in Auschwitz vernichtet wurden, werden die Schüler referieren.

Dagmar Casetou, die begleitende Lehrerin, legt Wert darauf, dass die Jugendlichen für die spezielle Thematik sensibel sind. Denn in New York wird einiges auf die Gruppe zukommen. "Generell", sagte die Lehrerin, "herrschen bei den Nachkommen von jüdischen Emigranten große Vorbehalte Deutschen gegenüber". Das wolle man mit diesem Besuch aufbrechen und damit den Grundstein legen für freundschaftliche Beziehungen und den Abbau von Vorurteilen. "Wir wollen eine Brücke von der Breisacher Geschichte in das Leben der Gemeinde in New York schlagen, indem wir Gespräche über Vergangenes und Gegenwärtiges führen", beschrieb Dagmar Casetou die Absichten der Gruppe.

Dabei möchten die Schüler drei Aspekte im Auge behalten: Zum einen sind sie daran interessiert, Erzählungen von Zeitzeugen zu hören und dabei speziell die Bedeutung von "Erinnerung" und "Schuld" zu diskutieren. Zum anderen will man sich auch mit der Thematik der Emigration auseinander setzen: Wie war es, den Heimatort verlassen zu müssen? Wie ging es im neuen Land weiter? Und schließlich ist der Gedankenaustausch mit jungen Leuten für die Schülerinnen und Schüler ganz wichtig.

Daneben freuen sie sich aber auch darauf, einmal ein paar Tage diese Weltstadt zu erleben, eine Stadt, die die meisten nur aus Filmen oder Büchern kennen. Wahrscheinlich werden die amerikanischen Austauschpartner die Gäste mit in die Schule nehmen, wo dann die Möglichkeit besteht, mit vielen amerikanischen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Sicher ist aber, dass die Jugendlichen sich ein Bild über das Leben amerikanischer Juden zu Hause machen können, sei es nun besonders religiös geprägt oder kaum zu unterscheiden vom Leben in anderen amerikanischen Familien.

Auch die Leser der BZ-Ausgabe der Breisacher Lokalredaktion können in den nächsten Tagen etwas von den Eindrücken und Erlebnissen der Gruppe erfahren: Lena-Sophie Demuth und Olivia Schneller werden in regelmäßigen Abständen direkt aus New York berichten und somit nicht nur Eltern und Mitschüler auf dem Laufenden halten.

 

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