Badische Zeitung vom Mittwoch, 22. April 2009

Eine Mahnung für Toleranz und Frieden

Auf dem Ihringer Synagogenplatz steht eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten Juden / Feierstunde am jüdischen Friedhof zum Abschluss der Restaurierung


IHRINGEN. "Erinnere dich und vergiss nicht" steht es auf Hebräisch auf der Tafel – darüber sind die Namen von 57 jüdischen Bürgern von Ihringen zu lesen, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden. Am gestrigen Dienstag wurde die Gedenktafel auf dem Ihringer Synagogenplatz enthüllt. Zuvor hatte am jüdischen Friedhof eine Feierstunde anlässlich des Holocaust-Gedenktags und des Abschlusses der Restaurierungsarbeiten an den 79 Grabsteinen stattgefunden, die drei Jugendliche im August 2007 beschädigt und zerstört hatten.


(FOTO: AGNES POHRT)

An der Feierstunde nahmen nicht nur Ihringer Bürger und jüdische Würdenträger, sondern auch Gäste aus den USA und Israel teil – Nachfahren und Angehörige der Familien Judas, Jaburg, Wilmersdorf und Bing, die bis zur Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Ihringen ihre Heimat hatten.

Bürgermeister Obert erinnerte an die Friedhofsschändung vor knapp zwei Jahren. "Jetzt wollen wir dem Friedhof die Würde zurückgeben", sagte er. Permanentes Erinnern sei wichtig, um zu verhindern, dass sich die Gräueltaten des Nationalsozialismus wiederholen. Gleichzeitig gelte es, das Erbe der jüdischen Mitbürger zu erhalten.

Vor wachsendem Antisemitismus warnte Wolfgang Fuhl, Vorsitzender des Oberrats der israelitischen Religionsgemeinschaft Baden. Seit 1997 habe es in Baden-Württemberg über 50 Schändungen jüdische Friedhöfe gegeben. "64 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der industriellen Ermordung von 6 Millionen Juden, müssen wir heute fassungslos mitansehen, wie die UNO einem Holocaustleugner eine Bühne bietet, seine rassistischen Hasstriaden gegen Israel zu präsentieren", nahm Fuhl Bezug auf den Auftritt des iranischen Präsidenten bei der UN-Konferenz gegen Rassismus in Genf. "Freiheit ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Pflicht. Denn der freie Wille führt auch zur vollen Verantwortung des Menschen für seine Taten und seine Untaten", mahnte Fuhl. Wichtig sei es, die Nachgeborenen zu erinnern, welche Ungeheuerlichkeiten möglich sind, und stets wachsam zu sein, um den Anfängen von Diskriminierung, Unterdrückung und Terrorismus zu wehren.

Landesrabbiner Benjamin Soussan nahm Bezug auf den Holocaust-Gedenktag, der am 22. April oder dem 28. Tag des jüdischen Monats Nisan in Israel als Nationalfeiertag begangen wird.

Das Datum für die Feier in Ihringen habe man ganz bewusst gewählt. Soussan dankte Obert für seine Bemühungen zur Restaurierung der zerstörten Grabsteine. Für die Dummheit der jugendlichen Friedhofschänder müssten nun alle bezahlen. Nach dem Gebet des Rabbiners sprach der Kantor der jüdischen Gemeinde Freiburg, Joseph Hayoun, den Kaddisch und sang das Gedenken an die Toten der Schoa. Anschließend waren Gäste und Ihringer Bürger zum Rundgang auf dem jüdische Friedhof eingeladen.

Die Ihringer Alphornbläser umrahmten sowohl die Feierstunde am Friedhof wie auch anschließend die feierliche Enthüllung der Gedenktafel auf dem Ihringer Synagogenplatz. Die Initiative für die Tafel stammt von einer Gruppe von 19 Nicht-Ihringern, allen voran Gerhard Naser. Naser hatte nach der Friedhofsschändung die Idee Bürgermeister Obert vorgetragen. Die Gruppe spendete 2000 Euro für das Projekt, die Gemeinde beteiligte sich mit 2085 Euro. Die Spendergruppe wollte die Tafel ursprünglich an der Mauer des jüdischen Friedhofs anbringen. "Doch da war ich dagegen", erzählte Landesrabbiner Soussan. Schließlich müssten nicht die Toten, sondern die Lebenden gemahnt werden.

"Wir wollen den 6 Millionen ermordeten Juden teilweise einen Namen geben", betonte Bürgermeister Obert. "Wer die Namen der Ermordeten vergisst, tötet sie ein zweites Mal", sagte Wolfgang Fuhl. Nachdem Neuntklässler der Neunlindenschule die 57 Namen, die auf der Tafel stehen, vorgelesen hatten, dankte Kurt Judas, ein ehemaliger jüdischer Bürger von Ihringen, Bürgermeister Obert, der Gemeinde und vor allem Gerhard Göpfert, der die Ihringer Bürgergruppe "Erinnern und Begegnen" initiiert hat. Er hoffe, dass dies ein Erinnerungsplatz für eine Zukunft in Toleranz und Frieden werde, sagte Judas.

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