Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer-Nahor
In Breisach einen Erzähl-Salon einzurichten, in dem älteren Menschen die Möglichkeit eingeräumt werden soll, von ihren Erinnerungen zu erzählen, davon träumt Kricheldorff schon seit längerem. Erfahrungen hierzu hat er bei diversen Gelegenheiten gesammelt und dabei die Bedeutung einer solchen Veranstaltung schätzen gelernt. So haben er und seine Kollegin nicht selten erlebt, dass beim Austausch von individuellen Erinnerungen oftmals in Vergessenheit geratene Ereignisse wieder hervortreten können, eine Erfahrung, die Erzähler wie auch Zuhörer machen können.
Denn bei einem sogenannten Erzähl-Salon sind beide, Erzähler und Zuhörer, von gleicher Bedeutung: die Erzählerin oder der Erzähler braucht das Auditorium als Projektionsfläche und die Zuhörer können durch das Erleben ermuntert werden, selbst zum Erzähler zu werden. Da die Moderatoren über die Modalitäten des Umgangs miteinander wachen und unter anderem darauf achten, dass der erzählte Stoff weder bewertet noch kritisiert wird, können sich die Teilnehmer auf eine respektvolle Wertschätzung untereinander verlassen.
Mit dem Raum im Blauen Haus sind die Organisatoren sehr glücklich, da es sich um eine Lokalität handelt, die weder zu kühl noch zu intim ist. Sie ist gut erreichbar und es ist ein Haus mit Geschichte in vielerlei Hinsicht. Schon in seiner Funktion als Gaststätte, die es ja auch einmal hatte, war es mit Sicherheit ein Ort, an dem Geschichten erzählt wurden, betont Christiane Walesch-Schneller. Dies war auch später der Fall, als es letzter Zufluchtsort der jüdischen Gemeinde Breisachs war. Und seit es die Funktion als Erinnerungs- und Begegnungsstätte hat, ist das Blaue Haus sowieso ein Dreh- und Angelpunkt von Geschichten und Geschichte.
Auf 3 Veranstaltungen ist das Experiment des Erzähl-Salons zunächst angelegt. Jeweils an einem Mittwoch im April, Mai und Juni sind ältere Breisacher Bürgerinnen und Bürger eingeladen zu erzählen, wie sie in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das Leben in der Stadt wahrgenommen und ihre Entwicklung miterlebt haben. Die erste Veranstaltung am morgigen Mittwoch, 23. April, soll um Erinnerungen an die Zeit des Kriegsendes und des Wiederaufbaus der zerstörten Stadt kreisen. Wer von seinen Erlebnissen zur Stunde null im Jahr 1945 berichten möchte, wird gebeten, sich vorab mit Kai Kricheldorff in Verbindung zu setzen, damit ein Minimum an Planung des Ablaufs möglich ist. Ansonsten ist keine Anmeldung erforderlich. Der Eintritt beträgt 3 Euro.
Themen und Termine
Mittwoch, 23. April: "... und die Stadt lag in Trümmern" . Frieden und Leiden — Erinnerungen an den Wiederaufbau der zerstörten Stadt; Mittwoch, 21. Mai: Unterricht im Bahnhof. Wie Schulen, Kindergärten und andere sozialen Einrichtungen wieder entstanden; Mittwoch, 11. Juni: Neue Heimat, neue Nachbarn. Breisach wird Zufluchtsort und neues Zuhause für Flüchtlinge. Der Erzähl-Salon beginnt immer um 17.30 Uhr. Anmeldungen nimmt Kai Kricheldorff, Salmengasse 2, 79206 Breisach, Telefon 07667/833420, E-Mail: kai.kricheldorff@katrin-rohnstock.de entgegen.
Uwe Fahrer, Dr. Christiane Walesch-Schneller, Kai Kricheldorff
FOTO: FRIEDEL SCHEER