Badische Zeitung vom Samstag, 21. Februar 2004

Erinnerungen an jüdisches Leben
Ralph Eisemann, Sohn des letzten Kantors der jüdischen Gemeinde, besuchte das "Blaue Haus"

Von unserer Mitarbeiterin Friedel Scheer

Ralph Eisemann 2004 in Breisach
Foto: Friedel Scheer
BREISACH (fsn). Eigentlich wollte Ralph Eisemann schon im Juni des vergangenen Jahres zur Eröffnung des "Blauen Hauses" aus New Jersey/USA anreisen. Doch die plötzliche Erkrankung seiner Frau Beate hatte dies verhindert. Deshalb machte er sich jetzt, zusammen mit seiner Frau, auf den Weg, das ehemalige jüdische Gemeindehaus im renovierten Zustand zu besuchen und dabei auch Gespräche mit Schülern und bei einer Abendveranstaltung mit interessierten Besuchern zu führen.

So fand ein erneutes Wiedersehen mit dem Haus statt, in dem er, Sohn des letzten Kantors der jüdischen Gemeinde Breisachs, die Jahre seiner Kindheit und frühen Jugend erlebt hatte. Er war beeindruckt, von dem, was seit seinem letzten Besuch geleistet wurde, und das teilte er den zahlreichen Zuhörern mit.

Eine Menge Fragen hatten die Besucher an Ralph Eisemann. So wurde er gebeten, Näheres zu seiner Flucht im Jahre 1939, als er mit dem so genannten "Kladovo-Transport" auf einem von mehreren Donauschiffen in Richtung Palästina aufbrach, zu erzählen. Von seiner "schlimmsten Zeit" sprach Eisemann in diesem Zusammenhang. Denn aus ihm bis heute unerklärlichen Gründen stoppte der Kapitän die Fahrt in Belgrad und die Ausreisewilligen waren gezwungen anderthalb Jahre auf einem Frachtschiff auszuharren, was viele nicht ertrugen.

Etwa 60 Leute hätten in dieser Zeit Selbstmord begangen, berichtete Eisemann. Von den 1200 Menschen, die auf diesem Transport waren, durften 200 weiterreisen und zwar die, die unter 18 Jahren waren. Eisemann, der zu dem Zeitpunkt siebzehneinhalb war, gehörte dazu. Alle anderen wurden kurz darauf, als die Nazis in Serbien einmarschierten, von diesen umgebracht.

Und noch einmal entging Eisemann knapp dem Tod. Nach seiner Ankunft in Palästina schloss er sich für einige Zeit einem Kibbuz an, der sich in der Nähe von Gaza gegründet hatte. Nach zwei Jahren verließ er den Kibbuz jedoch, um in die Vereinigten Staaten zu reisen, wo seine Mutter ihn erwartete. Kurz nachdem er die Siedlung verlassen hatte, fiel die gesamte Einwohnerschaft einem arabischen Überfall zum Opfer. Von mehr Glück konnte Eisemann dagegen beim Aufbau seines Lebens in den USA berichten.

Doch auch eher gegenwartsbezogene Fragen wurden gestellt. So wollte eine Besucherin wissen, was ihm dazu verholfen habe, über all dies sprechen zu können. "Das ist eine gute Frage", lobte Eisemann die Fragestellerin und erzählte, dass er mit Deutschland lange Jahre eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte. Doch dann, 1998 zur Einweihung des Synagogenplatzes, sei die Einladung von Bürgermeister Vonarb gekommen, die alles verändert habe.

Mit Frau und Kindern habe er sich damals beratschlagt, ob er diese Einladung annehmen solle. Und schließlich sei er zu dem Schluss gekommen, dass man die Jugend nicht für das verantwortlich machen könne, was die Eltern oder Großeltern getan haben.

Bei einer anschließenden Führung durch das Haus beschrieb Eisemann die frühere Funktion der Zimmer, wobei auch ein bisschen das religiöse Leben, das seine Familie führte, greifbar wurde. Von den Vorbereitungen seines Vaters im "Herrenzimmer" auf Bar Mizwen und Hochzeiten berichtete er ebenso wie von den glücklichen Erinnerungen an das Kindermädchen. Aber auch der Stein, der 1936 ins Schlafzimmer seiner Eltern geworfen wurde, bekam vor dem geistigen Auge der Zuhörer wieder Gestalt.

 


Zur vorhergehenden Seite Zum Beginn der Seite