Von unserer Redakteurin Agnes Pohrt
Heute erwartet Sharyn Jackson die jungen Besucher zum 5. Mal. Die 22-Jährige, die seit August vergangenen Jahres in Breisach weilt, bietet nicht nur den Realschülern, sondern allen interessierten Schulen die Möglichkeit, das Blaue Haus kennen zu lernen.

Foto: Agnes Pohrt
BREISACH. Alle zwei Wochen besuchen 18 Schülerinnen und Schüler der Breisacher Hugo-Höfler-Realschule das Blaue Haus. Gemeinsam mit Sharyn Jackson, die als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste für ein Jahr in der Gedenk- und Begegnungsstätte arbeitet, widmen sie sich zwei Stunden dem Judentum und der deutsch-jüdischen Geschichte.
"Nachdem ich mein Geschichtsstudium an der New-York-City-Universität abgeschlossen hatte, wollte ich in einer Gedenkstätte arbeiten, außerdem interessiere ich mich für Deutschland", erzählt Sharyn. Sie bewarb sich als Freiwillige bei der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und erfuhr so auch erstmals vom Blauen Haus. Für sie als Jüdin sei es ganz natürlich, sich für jüdische Geschichte zu interessieren, findet sie.
Mittlerweile sind die jungen Besucher mit ihren Geschichtslehrern Reiner Zimmermann und Edeltraud Cupal eingetroffen. Die Gruppe ist bunt gemischt: sechs Siebtklässler, eine Zehntklässlerin und Neuntklässler aus drei Klassen. "Eigentlich sind alle freiwillig hier", erzählt Edeltraud Cupal. Ihre Einschränkung bezieht sie auf die Siebtklässler, die sich in dieser Klassenstufe zwischen mehreren Modulen entscheiden müssen, das Projekt "Blaues Haus" ist eines davon.
Sharyn erzählt ihren Gästen diesmal von Suzanne Hochherr, dem knapp drei Jahre alten Mädchen, das im Juli 1942 aus dem holländischen Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert wurde, wo Suzanne gleich nach der Ankunft mit ihrer Mutter vergast wurde. Auch der Vater, Heinz Hochherr, überlebte das Konzentrationslager nicht. Suzannes Mutter Margot stammte aus der Breisacher Familie Bähr. Ihr Vater Hermann Bähr war der letzte Gemeindevorsteher von Breisach.
Auf einem Tisch stehen Fotos von Suzanne und ihren Eltern, außerdem hat Sharyn Fotokopien von Deportations-und Todeslisten und Informationstafeln aus der Berliner Gedenkstätte "Haus der Wannseekonferenz" aufgehängt. Auch die Namen von Familie Hochherr stehen auf den Listen. Die Schüler haben 10 Minuten Zeit, sich die Dokumente anzusehen. Dann beginnt die Arbeit in vier Kleingruppen.
Die eine Gruppe soll überlegen, wie sie als Lehrer im Jahr 1936 ihren Schülern erklären würden, warum sie das Thema Rassismus nicht unterrichten wollen. Eine andere Gruppe formuliert einen Brief, den Margot Bähr an ihre ins Lager Gurs deportierten Verwandten schreiben würde. Was wäre aus Suzanne geworden, wenn sie nicht in Auschwitz ermordet worden wäre, lautet eine andere Aufgabe. Und dann gibt es noch die Journalisten, die - obwohl die Pressefreiheit abgeschafft ist - 1938 in einer ausländischen Zeitung von dem Novemberpogrom in Breisach berichten.
Suzanne würde heute als Künstlerin mit Heidelore Goldammer zusammenarbeiten. Die Nachforschungen nach ihrer Familie hätten sie nach Breisach geführt. Margot Hochherr erkundigt sich vorsichtig nach dem Wohlergehen ihrer Verwandten im Lager Gurs. Die Lehrerin erklärt ihren Schülern, dass sie aus eigener Erfahrung weiß, dass die Vorurteile gegenüber Juden nicht stimmen, und die jungen Journalisten erläutern, dass dem Novemberpogrom noch viele schreckliche Ereignisse folgen werden.
Die Aufgaben waren schwierig, die Zeit zu kurz, deshalb soll in zwei Wochen noch einmal darüber gesprochen werden. Interessante Themen gibt es viele. "Beim letzten Mal hat uns Sharyn das Chanukkah-Fest erklärt und das traditionelle Festessen gekocht", erzählt Denise aus der zehnten Klasse. Silas aus der 7. hat darüber einen Bericht verfasst - "freiwillig", wie Lehrerin Cupal betont. So etwas komme in dieser Gruppe öfter vor.
Die Projektarbeit soll auch praktisch werden. Die Schüler werden unter Anleitung von Günther Boll Grabsteine und Inschriften auf dem jüdischen Friedhof in Mackenheim (Elsass) dokumentieren. "Hier erfahren Schüler nicht nur Wissen, sie werden auch emotional angesprochen", erklärt Lehrer Zimmermann den Eifer der Schüler. Denise bestätigt dies: "Gerne würde ich nach dem Schulprojekt im Blauen Haus mitarbeiten."
Auch Sharyn ist mit dem Nachmittag sehr zufrieden. An ihren Fragen und Antworten merke man, dass sich die Schüler intensiv mit dem Thema befasst hätten. Das sei der Vorteil eines längerfristigen Projekts. Aber auch von einmaligen Besuchen im Blauen Haus profitieren die Schüler. Zwei Klassen der Julius-Leber-Schule und eine aus Wyhl haben die Möglichkeit schon genutzt und waren sehr beeindruckt. Die Kommentare der Wyhler Schüler im Gästebuch des Blauen Hauses zeugen davon.
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