Badische Zeitung vom Samstag, 18. August 2007

OFFENER BRIEF: "Wir sind sehr bedrückt und sprachlos"

Einen offenen Brief an die Holocaust- Überlebenden in Übersee, die Familiengräber im verwüsteten jüdischen Friedhof in Ihringen haben, haben unter anderem eine Lehrerin und Schüler der Freiburger Lessing-Realschule geschrieben. Hier das Schreiben im Wortlaut:



"Lieber Carl Jaburg, lieber Kurt Judas, liebe Wiltrude Hene-Lavelle! Wir schreiben diesen Brief schweren Herzens. Wie viel haben wir Euch zu verdanken! Wir Schüler aus Freiburg haben Kontakt mit Euch gesucht, um mehr über die Geschichte unserer Schule zu erfahren. Ihr habt uns besucht und wir konnten Euch persönlich kennen lernen. Bei der Einweihung der Gedenktafel an der Lessingschule konnten wir gemeinsam sagen und fühlen: ,Eure Retter sind uns ein Beispiel für Toleranz und Zivilcourage. Mit Euch Geretteten trauern wir um die Ermordeten.’ Die Begegnungen mit Euch und Euren Familien hat unser Leben geprägt. Nie haben wir so viel gelernt über die unheilvolle Geschichte in unserem Land, über uns selbst und unsere Familien. Für diese Chance sind wir Euch sehr dankbar! Heute sind wir sehr bedrückt und sprachlos, denn der jüdische Friedhof in Ihringen ist in der Nacht von Samstag, 11. August, auf Sonntag, ein weiteres Mal geschändet worden — über 70 von 200 Grabsteinen wurden von unbekannten Tätern umgeworfen! Es ist zum Weinen. Wir fragen uns: ,Was läuft in unserer Gesellschaft falsch, dass sie dergestalt gewissenlose Menschen hervorbringt, die solche Untaten begehen?’ Diese Tat schockiert und berührt uns zutiefst. Sie zeigt einmal mehr, wie mühsam demokratische Prozesse unter allseitigem Respekt sind. Shalom! Seid besonders heute herzlich umarmt!"

Rosita Dienst-Demuth, Lehrerin der Lessing-Realschule Freiburg, Geschichtswerkstatt "Zwangsschule für jüdische Kinder 1936— 1940 in FR" , und Schüler: unter anderem Marco DeNardo, Timon Leng, Samuel Meininger, Luisa Litsch, Marie-Luise Tröber, Stephan Möhrle, Klaus Max Fehrenbach, Bodo Kaiser (Filmemacher).