Badische Zeitung vom Samstag, 18. August 2007

Fall gelöst, Akte offen Grabschänder von Ihringen sind Rechtsradikale


Von unserer Redakteurin Maikka Kost

FREIBURG. Wenn nach den Grabschändungen auf dem jüdischen Friedhof in Ihringen 1990 und 1991 etwas schwerer wiegte als die Taten selbst, dann der Umstand, dass sie nie geklärt wurden. Auch nach dem neuen Vorfall am vergangenen Sonntag wuchs wieder die Angst. Doch seit gestern ist sie unbegründet. Polizei und Staatsanwalt gaben in Freiburg die Festnahme von vier Tätern bekannt. Drei von ihnen haben bereits gestanden. Etwas gereizt ist die Stimmung bei der spontan einberufenen Pressekonferenz in der Freiburger Polizeidirektion wohl. Am Donnerstag hatten einige Bürger der Polizei noch indirekt vorgeworfen, sie habe vor 16 Jahren ihre Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt (die BZ berichtete). Dieses Mal soll das niemand behaupten können: "Aufgrund intensiver polizeilicher Ermittlung," betont der Chef der Freiburger Kripo Bernd Belle, seien die vier Täter am Donnerstag abend gefasst worden. Die achtköpfige, eigens einberufene Ermittlungsgruppe habe eine umfangreiche Spurensicherung auf der Mauer des Friedhofs und den Grabsteinen betrieben. Auch das Institut für Rechtsmedizin, das Landeskriminalamt und die Gemeinde Ihringen seien eingeschaltet gewesen."Es ist uns gelungen, eine uns schwer im Magen liegende Tat rasch zu klären" , freut sich auch Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier. Die Akte werde aber nicht geschlossen. Weitere Spuren seien abzuarbeiten: "Es wird nachgebohrt und geguckt, ob noch mehr drin steckt." Zumindest direkte Querverbindungen zu den Taten von 1990 und 1991 schließen die Ermittler jedoch aus. Die jetzt gefassten Täter sind viel zu jung. Es handelt sich um einen 28-jährigen Handwerker, einen 15-jährigen Schüler und zwei Auszubildende (17 und 19 Jahre alt). Sie stammen aus den Kreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald. Am 11. August hatten sie am Kaiserstuhl zunächst in den Reben gefeiert. Irgendwann war einem der Gedanke gekommen, sie könnten nach Ihringen fahren. Am jüdischen Friedhof kletterten sie über die Mauer und warfen 79 Grabsteine um. Beinahe wären sie auch unerkannt davon gekommen. Doch auf der Rückfahrt fielen sie zwischen Wasenweiler und Bötzingen wegen überhöhter Geschwindigkeit einer Polizeistreife auf. Die Beamten versuchten, das Auto der jungen Männer zu stoppen. In Bötzingen schafften es diese aber, sich unerkannt abzusetzen. Unter den Meldungen, die am nächsten Tag bei der Polizei eingingen, war auch die über ein Auto, das bei Bötzingen in einem Acker lag. Die Überprüfung des Halters führte zu dem 28-Jährigen. "Dem Erscheinungsbild nach konnte er eindeutig der rechtsextremen Szene zugeordnet werden," berichtet Bernd Belle. Als der junge Mann sich in Widersprüche verstrickte, ordnete die Staatsanwaltschaft Hausdurchsuchungen bei ihm und seinen Freunden an. Dabei kamen Nazi-Symbole und CDs mit rechtsradikaler Musik zutage. Bei dem 28-Jährigen fanden die Beamten zudem eine Pistole und Munition. Für Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier ist noch aus einem anderen Grund eindeutig: "Das war keine alkoholbedingte Entgleisung. Wer eine solche Tat begeht, ist rechtsradikal." Gleichwohl geben er und Kripochef Belle auch allen zu verstehen, dass keiner der vier Täter bisher mit rechtsradikalen Taten strafrechtlich aufgefallen war. "Vielleicht haben wir hier Schlimmeres in einem frühen Stadium verhindert." Was die Täter angetrieben haben könnte, stellt sich den Ermittlern nach bisher so dar: "Als sie sich trafen, sprachen sie im Allgemeinen über Arbeitslosigkeit und wer an dieser Schuld ist. So wurde die Idee geboren, sein rechtsradikales Mütchen zu kühlen." Maier sieht in allen drei Fällen die Tatbestände "Störung der Totenruhe" und "Sachbeschädigung" gegeben. Der 28-Jährige, der nach Einschätzung der Ermittler der Anführer war, sieht außerdem einer Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes und der Verschleierung einer Straftat entgegen. Gegen ihn wurde wegen Fluchtgefahr Haftbefehl beantragt. In der Bevölkerung hat die schnelle Aufklärung gestern für Aufatmen gesorgt. In Ihringen wurde erleichtert aufgenommen, das keiner der Verdächtigen aus dem Ort stammt.