Badische Zeitung vom Samstag, 17. Mai 2008

BESUCH IN DER "STADT DES FRIEDENS"
Breisacher reisen ins polnische Oswiecim und vertiefen Kontakte / Stein des Münsters für "Hügel der Erinnerung und Versöhnung"



Aus Oswiecim berichtet unser Mitarbeiter Kai Kricheldorff

 

OSWIECIM/BREISACH. Einen Stein vom Breisacher St. Stephansmünster hat die elfköpfige Delegation der Stadt Breisach, die von Bürgermeister Oliver Rein angeführt wird, am Donnerstagnachmittag als Gastgeschenk dem Bürgermeister der polnischen Stadt Oswiecim, Janusz Marszalek, überreicht. Besuch und Gastgeschenk aus Breisach dienen der Festigung der freundschaftlichen Kontakte zwischen der Europastadt und Oswiecim, die den Zusatz "Stadt des Friedens" trägt.

Der Stein wird Teil des "Hügels der Erinnerung und der Versöhnung" sein, der in Qswiecim als Mahnmal mit gekennzeichneten Steinen aus aller Welt errichtet wird. Dazu gehören zum Beispiel, wie Bürgermeister Marszalek beim Empfang für die Breisacher Delegation erklärte, Steine aus der Ruine der Dresdner Frauenkirche, aus der biblischen Stadt Nazareth in Israel oder dem japanischen Hiroshima, auf das 1945 die erste Atombombe fiel.

In Oswiecim, das während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg den Namen Auschwitz trug, befand sich das größte Vernichtungslager der terroristischen Gewaltherrschaft des Naziregimes. Im Konzentrationslager Auschwitz und dem davon nur vier Kilometer entfernten Lager Birkenau wurden zwischen 1941 und Januar 1945 über 1,4 Millionen Menschen — Juden, Sinti und Roma, Polen, Russen und Angehörige anderer Nationen — in den Gaskammern ermordet. Vor dem Empfang im Rathaus der polnischen Stadt hatte die Breisacher Delegation die Gedenkstätte im Lager Auschwitz-Birkenau besucht.

Bei der Überreichung des Steins aus dem St. Stephansmünster — er ist mit dem Schriftzug "Europastadt Breisach am Rhein" versehen — erinnerte Bürgermeister Oliver Rein an die schwere Last der Stadt Oswiecim, in der während des Zweiten Weltkrieges die Nationalsozialisten nicht nur die polnische Elite ausgelöscht haben, sondern kurz darauf auch Hunderttausende von Menschen geradezu fabrikmäßig vernichtet wurden. Die Konfrontation mit den begangenen Verbrechen am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers nannte Rein eine beschämende und bedrückende Erfahrung. "Wir müssen das Bewusstsein für die Geschehnisse der Vergangenheit offen halten und wachsam bleiben" , mahnte das Breisacher Stadtoberhaupt und dankte den polnischen Gastgebern für die ausgestreckte Hand der Versöhnung und Freundschaft, die Breisach gerne ergreife. Die Kontakte auf den Gebieten Kultur, Sport und Jugendaustausch zwischen Breisach und Oswiecim seien wichtige Bausteine auf dem Weg zu einer Städtepartnerschaft zwischen der Friedensstadt und der Europastadt, sagte Rein.

Der Breisacher Delegation gehörten Mitglieder des Stadtrates, Mitarbeiter der Verwaltung und Vertreter des Freundeskreises Breisach/Oswiecim an. Mit dabei ist auch der Heitersheimer Wolfgang Failer. Als Dirigent des Freiburger Kantatenchores unterhält er schon seit vielen Jahren Kontakte nach Oswiecim und brachte einen Erinnerungsstein aus Heitersheim für den Versöhnungshügel mit.

Am Empfang im Rathaussaal von Oswiecim nahm auch Henry Mandelbaum teil. Bis zur Befreiung des Konzentrationslagers im Januar 1945 war der heute 85-jährige polnische Jude in Auschwitz inhaftiert. Mandelbaum beteiligt sich seit Jahren in der Gedenkstätte des Lagers an der Aufklärung und Information über das Geschehen der damaligen Zeit in Auschwitz. Er gehört zu den wenigen ehemaligen KZ-Häftlingen, die heute noch leben. Mit den Gästen aus Breisach führte er ein Zeitzeugengespräch.

Zu den weiteren Programmpunkten der Delegation aus der Münsterstadt gehörten der Besuch einer Ausstellung im Konzentrationslager und eine Visite im SOS-Kinderdorf in Oswiecim. Vor der Rückfahrt besichtigten die Gäste aus Breisach die nahe gelegene Großstadt Krakau. Fast zeitgleich machte sich eine Fußballmannschaft des Vereins Unia Oswiecim auf den Weg nach Breisach, wo sie ein Freundschaftsspiel gegen den SV Breisach bestreiten wird.

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